Du wohnst nun schon seit einiger Zeit in der Großstadt und irgendwie sind alle cooler und ironischer als das jemals in Buxtehude der Fall war. Seit längerem hörst du unterschiedliche Musikstile aber da scheinbar minimalistischer Techno auf der Tanz- und Tagesordnung steht und du davon überhaupt keine Ahnung hast, fragst du dich welche Smash-Hits auf deiner nächsten WG-Party nicht fehlen dürfen. Doktor Schwarz schafft Abhilfe. Wir gehen auf Nummer sicher. Die Meute muss tanzen, denn du hast Laune.

1. Alle Farben – Fusion Festival 2013 Secret Set @ Firespace         (nüchtern)

Die Partycrowd ist noch völlig nüchtern und da du dich unter Hipstern befindest, zählt auf jeden Fall wie cool das ist, was du bei Soundcloud rauskramst. Soundcloud, genau. Da gibt’s ja noch richtige Künstler. Nicht so ein Scheiß wie Youtube. Vielleicht ist Mixcloud sogar noch besser. Da sind alle Menschen DJs – so wie in Berlin in deinem neuen Freundeskreis seit dem Bachelor. Egal. Die Musik der Stunde ist natürlich seit 15 Jahren Minimal-Techno, die beschissenste Musikrichtung seit Ska-Punk und weil nicht mehr wie mit 14 im Club gepoged wird, sondern man am liebsten regungslos unter langweiligen Idioten rumsteht, machst du eben auch Minimal-Techno an. Am besten Alle Farben.

Die Sets des Wahlberliners sind nämlich voll organisch weißt du? So wie bei Four-Tet und Caribou und da du keine Ahnung von Minimal hast, ist das eine erste gute Wahl. Das Topping auf dieser Langweilermucke ist natürlich, der Ort der Aufnahme. Das Set stammt vom ultra-angesagten Fusion Festival und wurde nicht irgendwo, sondern TOTALLY SECRET auf dem Firespace aufgenommen, der eigentlich gar keine richtige Stage ist. Gewollt authentischer wird‘s nicht mehr!

2. Kavinsky & Lovefoxxx – Nightcall (ganz leicht angetrunken)

Drive ist ein zu Recht total abgehypter Film mit einem der besten Soundtracks der letzten Jahre. Die Musik funktioniert im Film so gut, weil sie stylistische Anleihen bei den Hits der 80s macht und gleichzeitig sehr fett produziert und akustisch reduziert ist. Der Track wärmt die Masse auf, ist offensichtlich cool und bekannt und macht außerdem die Ansage, dass die Musik tanzbarer wird. Du öffnest die Pforte in die Vergangenheit und zeigst, dass früher nicht alles schlecht war, was der Hipster natürlich längst weiß.

3. Metronomy – The Look (leicht angetrunken)

Indiepop ist tot und die Leute sind noch nicht besoffen. Deshalb musst du HÖLLISCH aufpassen, was du dich zu spielen traust. Pitchfork.com ist da keine wirkliche Informationsquelle mehr, weil die so kauzig geworden sind, dass das wahrscheinlich niemand mehr kennt, was da so empfohlen wird. Halt dich stattdessen an Metronomy. Die haben sich ein wenig in Richtung von minimalistischem Techno entwickelt und eigentlich mag jeder „The Look“. Außerdem klingt die Musik so wie die meisten deiner Freunde rumlaufen: Nach Kaki-Shorts und V-Neck-Shirt in der Sommersonne auf dem Rennrad. Der Fahrtwind zerzwirbelt deinen Seitenscheitel im Sonnenaufgang auf dem Tempelhofer Feld. Da noch niemand richtig hart am Tanzen ist, hast du mit dieser Liedwahl alles richtig gemacht.

4. Daft Punk – Get Lucky oder das aktuelle Lied zwischen den   Welten (angetrunken)

Zu jeder Zeit existiert ein Lied, das im coolen alternativen Bereich geschätzt wird, aber gerade im Begriff ist, den Mainstream zu erobern. Hier musst du aufpassen, wie lange das infrage kommende Lied schon bei großen Radiosendern läuft. Meine Faustregel wäre: Maximal drei Wochen. Während du zum Zeitpunk ihres Erscheinens locker „Someboy That I Used To Know“ von Gotye, „Pumped Up Kicks“ von Foster The People, „Gangnam Style“ von Psy, „Leider Geil“ von Deichkind, „30 Grad“ von MC Fitti oder „Thrift Shop“ von Macklemore hättest spielen können, würdest du jetzt für so eine Stilsünde auf offenem Dielenboden gelyncht werden. Die Zeit von „Get Lucky“ ist eigentlich auch schon lange vorbei. Vielleicht könntest du es mit „Blurred Lines“ von Thicke versuchen, vorausgesetzt es befinden sich keine radikalen Antisexisten unter deinen Freunden. Im Video wird da nämlich nackt getanzt und das wollen wir nicht. Ansonsten funktioniert immer die neuste Single von Kanye West.

5. Jay-Z – 99 Problems (gut angetrunken)

Neben der Nummer 6 ist 99 Problems das absolute Partylied für die ironische Hipstergeneration und ich kann dir genau erklären wieso. 99 Problems schlägt die perfekte Brücke zwischen oldschoolig, bekannt und pseudoauthentisch. Wie du sicherlich schon gemerkt hast, ist Hip-Hop mittlerweile nicht mehr so verpönt wie damals im Gymnasium und auch deine verweichlicht aussehenden Freunde trauen sich langsam dazu zu tanzen, weil sie keine Angst haben müssen, von irgendwelchen Schulhofbullies auf die Fresse zu kriegen. Wenn du 99 Problems anmachst, kann jeder deiner Freunde so tun, als hätte er schon immer Hip-Hop gehört. Wenn du 2004 wenigstens nicht den „Holzmichel“, „Dragosteia Din Tei“, „Yeah“ oder „Die perfekte Welle“ gehört hast, dann doch aber bestimmt „Denkmal“ von Wir sind Helden oder „This Love“ von Maroon 5. Mit 99 Problems kannst diesen Umstand leicht vertuschen und vortäuschen, dass du schon damals gewusst hast, was in 9 Jahren noch cool sein würde. Außerdem ballert der Track richtig ordentlich.

6. Outkast – Ms. Jackson (betrunken)

Was für „99 Problems“ galt, gilt für „Ms. Jackson“ noch viel eher! „Ms. Jackson“ hast du damals nämlich tatsächlich gehört und das hat jeder. Wie gut, dass der Track immer noch großartig ist und Outkast als eine der avangardistischsten Rap- und RnB-Kollabos angesehen werden. Ms. Jackson hat sogar nicht einmal das Problem als Hip-Hop durchgehen zu müssen. Das Lied hat mich noch nie enttäuscht. Das Jahr 2000 hat übrigens noch einige andere Partyperlen hervorgebracht wie z.B. „The Riddle“, „The Real Slim Shady“, „King of the Bongo“, „All the Small Things“, „Bon Voyage“, „Bye, bye, bye“, „Last Resort“, „7 Days“ und „Rock DJ“.

7. Sean Paul – Get Busy (besoffen)

Okay jetzt geht’s rund. Alle Klischees sind über Bord geworfen. Deine Freunde scheißen darauf wie sie rüberkommen und wollen einfach nur noch hart abdancen. Und wer Dancen sagt, muss auch SEAN DA PAUL sagen. Nach meiner vierjährigen „Berliner Partyerfahrung“ kann ich sagen, dass niemals irgendetwas so gut angekommen ist wie Sean Paul, vorausgesetzt das Publikum ist betrunken genug. Denn insgeheim weiß jeder, dass Dance Hall eine kongeniale Erfindung ist und über die genreübergreifend tanzbarsten Beats verfügt. Außerdem sind Sean Pauls Texte so unverständlich, dass man sich beim Mitsingen konstant beeiern muss. Alternativ bietet sich das völlig unbekannte „Church“ von T-Pain an, das erst gerunzelte Stirnen und danach shakende Ärsche hervorrufen wird.

8. Bomfunk MCs – Freestyler (völlig besoffen)

Ich bin eigentlich gegen 90er-Trash auf Parties. Die Welle ist mittlerweile zu Recht stark abgeebbt und bringt auch nur das Dilemma zu Tage, dass die meistens Songs aus den 90ern einfach Scheiße waren. Da nützt auch alle Ironie nichts. Der „Freestyler“ ist mir allerdings immer noch ein Rätsel. Wir wussten schon in der Orientierungsstufe wie gut der ist. Kein Lied der Neunziger knallt so dermaßen rein, keins macht so viel Spaß. Das ewig lange Intro bringt einen in Stimmung und wenn der Track dann richtig abhebt, gibt’s kein Halten mehr. RACKAMACKAFO!

9. Limp Bizkit – Take A Look Around (kurz vorm Blackout)

Wenn die eigentliche Wahrheit dieses Artikel war, dass die Leute ihre selbstkonstruierten Identitäten aufgeben müssen und sich eingestehen sollten, dass Dance Hall und Rap immer noch verdammt tanzbar sind, dann gehst du jetzt noch einen Schritt weiter. Der nächste Move ist sehr tricky und birgt die Gefahr, dass sich die Tanzfläche sofort leeren wird. Wenn du Glück hast, und da kommt der Alkohol ins Spiel, sind deine Gäste schon so verbimmelt, dass sie wissen, dass „Take A Look Around“ einfach der absolute Überhit ist. Denn auch die alternative Mainstream-Rockmusik von früher hat ihre Perlen und ein bisschen Rumbrüllen und Pöbeln hat noch keiner Party geschadet. Alternativen wären „Chop Suey“ von System of a Down, „In the End“ von Linkin Park oder „Last Resort“ von Papa Roach.  „You Give Love a Bad Name“ von Bon Jovi geht natürlich schon wegen seiner Rolle in How I Met Your Mother immer. Für „500 Miles“ von den Proclaimers gilt das gleiche.

Wenn du es bis hierhin geschafft hast, die Menschen auf der Tanzfläche zu halten, dann ist ab jetzt alles erlaubt. „Uptown Girl“ von Westlife, „Survivor“ von Destiny’s Child und (ich gestehe ihn dir zu:) 90er-Boy-und-Girlgroup-Trash. Auch „Karneval in Rio“ von Heino oder „Barfuss im Regen“ von Michael Holm kannst du jetzt bringen. Dir muss nichts mehr peinlich sein. Nutze diesen Moment!

10. Absolute Beginner – Füchse (schon wieder am Ausnüchtern)

Wie ich bitterlich feststellen musste, habe ich in meiner Jugend viel zu wenig Deutschrap gehört. Aber nach langer teilnehmender Beobachtung bin ich zum Ergebnis gekommen, dass „Füchse“ das absolute Identifikationspotential bietet. Vor allem in Kiffer-WGs. Das scheint die Menschen an ihre Zeiten auf den Tischtennisplatten der Schulhöfe der Bundesrepublik zu erinnern. Lassen wir ihnen ihre Träume. Du kannst jetzt aufhören, die Party klingt von alleine aus. Du hast alles richtig gemacht.