Thematische Mix-Tapes zu erstellen ist eine meiner Leidenschaften. Hier der Griff in die Tiefen meiner Tiefkühltruhe. Voilà, votre melange de fruits.

1. Prince: „Raspberry Beret“ (1985)

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Teilzeit-Job im Five-and-Dime-Kramladen. Die Ödnis bringt Dich fast um. Vor dem Boss bist du sehr damit beschäftigt, das Nichtstun nach Arbeit aussehen zu lassen. Gähnende Leere im Geschäft. Aber plötzlich siehst Du etwas durch die Tür kommen, ein Mädchen, das (!) Mädchen. Sie betritt den mickrigen Scheißladen und alles strahlt Dich auf einmal an. Sie hat ein himbeerfarbenes Baskenmützchen auf und geht direkt, diiirekt auf Dich zu, lehnt sich langsam über die Theke und – der Tag ist gerettet. 80er-Beat, Synthesizer und so eine irische Fidel. Die Instrumentierung erkennt man sofort wieder. Ein Lied zum Mitgrooven, auch gegen den Willen, bei dem man sich entspannt wiegt, aufs Lenkrad trommelt, gern auch so gospelgottesdienstmäßig mit den Fingern schnipst und den 20 km langen Stau und die kaputte Klimaanlage vergisst. Prince juchtzt , kiekst und stöhnt, dass es eine Lust ist. Rotzfrech und sehr sexy. Mit einer Liedzeile gesagt: „I wouldn’t change a stroke“. Perfekter Popsong.

2. Nancy Sinatra/ Lee Hazelwood: „Summer Wine“ (1966)

Uhhh… Ganz langsam stellen sich die Härchen auf Deinen Armen auf, Gänsehaut bei dem Gedanken an glühende Abendsonne, einen Cowboy mit Sporen und eine geheimnisvolle Frau, die einen Trank aus „Strawberries, cherries and an angel’s kiss in spring“ verabreicht. Dunkle, zart-unheimliche Streicher, die den Alkohol-Trip gut aufnehmen, das Tambourin und Schlagzeug und ein bisschen Bond-Bläser-Fanfare. Die dunklen, samtigen Stimmen sind das Wichtigste und zu recht im Vordergrund. Ein Wirbel aus warmen Farben und Abendsonne ergießt sich über uns. Lasziv und gefährlich schön. Eine Melodie, die trunken macht, und betäubt und ausgeraubt zurücklässt und doch so betörend ist, dass wir nicht genug von diesem Zaubertrank bekommen können. Unzählige Male gecovert, am gelungensten in diesem Jahr von Lana Del Rey (bekennender Nancy-Fan) und ihrem Freund. Aber das Original ist schon am besten.

3. Fats Domino: „Blueberry Hill“ (1956)

Klassisches Bluesstück mit Klavier, Bass, gemäßigten Bläsern und gemächlichem Schlagzeug. Fats singt schön schleppend, bisschen nuschelig und entspannt. Es geht weniger um die Blaubeeren, als vielmehr um den Blaubeerhügel, wo der Wind in den Weiden spielt und der Sänger seine Liebe findet. Harmlos, kann man gut hören.

4. Mickey Newbury: „Poison Red Berries“

Ein Coutrylied und die beste Interpretation ist die von Johnny Cash. Seine Stimme rettet das ganze auch davor, hart, hart kitschig zu werden, denn die Story drückt sehr auf die Tränendrüse: Der Sänger redet sich eher schlecht als recht ein, ganz über seine große Liebe hinweg zu sein und nur noch sehr selten an sie zu denken. Aber wie die abgestorbenen Beeren, die auch im tiefsten Winter noch immer vertrocknet und erfroren an der Eberesche hängen, ist die Erinnerung an den Sommer und schönere Tage nach wie vor präsent. Schwermütige Nostalgie, schnulzig und doch sehr laid back. Wunderschön traurig.

5. The Beatles: „Strawberry Fields Forever“

Auf einer Früchtesongmischung darf dieser Klassiker nicht fehlen, obwohl es nicht mein Beatles-Favorit ist. Aber da es fast zur Allgemeinbildung gehört, zu wissen, dass „Strawberry Fields“ ein Waisenhaus in Liverpool, dem Geburtsort der Beatles war, und dass es im Central Park in New York einen kleinen Bereich gegenüber dem Dakota Building gibt (dem Gebäude, in dem John Lennon wohnte und vor dem er 1980 erschossen wurde) der so heißt, wollte ich Euch diese kleinen Anekdoten und das Lied nicht vorenthalten.

6. Harry Belafonte: „Banana Boat Song“ (1956)

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Die Melodie ist ein Calypso-Volkslied. Es geht um jamaikanische Hafenarbeiter, die Bananen verladen und nach dem „tallyman“ (Kontrolleur) rufen, damit er die Bananen zählt und die Arbeiter nach Hause gehen können. Harry Belafonte singt Pidgin-Englisch und wahrscheinlich finden manche Leute das politisch nicht so korrekt, weil Harry Belafonte aus NYC kommt und sicher sehr schön amerikanisch spricht. Für mich muss Musik aber nicht so furchtbar korrekt sein. „Das Day-O“ wurde zu deutsch mit „Theo (mach mir eine Bananenbrot)“ übersetzt. Rolf Zukowski, was hast Du Dir dabei nur gedacht?!

7. Wenke Myhre: „Beiß’ nicht gleich in jeden Apfel“ (1966)

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Wo es um Obst geht, darf ein süßer 60er-Jahre-Schlager nicht fehlen. Die stupsnasige Wenke Myhre kennt man für „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ von 1970, aber sie hat eben auch dieses niedliche Liedchen gemacht, indem sie Jungs kumpelhaft ermahnt, sich an Schneewittchens Apfelreinfall (außen hui, innen pfui) zu erinnern. Das Lied beginnt mit einer kräftigen Klaviertonleiter und dann „fetziges“ Schlagzeug und ab geht’s in den Refrain. Dieses Sirenengeräusch, penetrantes Im-Takt-Klatschen und dann gibt’s das Gleiche noch einen Halbton höher. Ähnlich ist auch France Galls „Zwei Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Banane“ (Singular!). Das süßeste Früchtchen Frankreichs singt vom Karneval in Mexiko. Was Rosita da an hat, das wird innerhalb kürzester Zeit auf den Laufstegen der Welt zu sehen sein: Apfelsinen im Haar, Bananen, Kokosnusskleid. Totaler Quatschschlager, zum Mitklatschen nach Bier und Birnenschnaps auf der Sportplatzfete. Danach läuft dann „Cheri, cheri Lady“, das leider nichts mit Kirschen zu tun hat und sonst hier gelandet wäre.

8. Eric Clapton: Peaches and Diesel (1977)

Instrumental von Eric Clapton, der am Anfang bei Cream nicht so viel singen durfte, weil Jack Bruce ihm immer sagte, er könne nicht singen. Glücklicherweise hat Eric aber genug Selbstvertrauen gehabt, es doch mal zu versuchen. Aber eben nicht bei „Peaches and Diesel“. Dort spricht nur Slowhands Gitarre.

9. „Ausgerechnet Bananen“

Schlager der goldenen Zwanziger, die deutsche Fassung basiert auf einem Broadway-Lied. Bisschen alberne Instrumentierung: dieses Xylophondings und schrummschrumm und von zig verschiedenen Leuten gesungen. Zwei Textversionen, eine mit Olmützer Quargel und die andere mit Meier der ein Don Juan ist und weiß, dass Frauen auf Blumen stehen. Meier will Frauen verführen und das möglichst billig, deshalb kauft er die Blumen im Angebot. Aber eine von Meier Angebeteten ist nicht zu erweichen. Nicht mal mit Rosen in Glanzpapier. Sie verlangt stattdessen – genau. Heute das billigste Obst im Supermarkt. Damals absolute Luxusware. Bis 1924 gab es nämlich ein Bananeneinfuhrverbot für die Weimarer Republik und auch danach haftete den Bananen immer noch der Ruf an, rar und teuer zu sein. Die neue Frau lässt sich also nicht mit schlaffen Blümchen abspeisen, sondern stellt Ansprüche. Für Freunde der Zweideutigkeit: Es ist wohl kein Zufall, dass sie „ausgerechnet Bananen“ verlangt und keine Orangen, hm? Angeblich ist es auch das Jingle für  5-Minuten-Terrine von Maggi und in Billy Wilders „One, Two, Three“ wird’s auch gesungen. In der 54. Minute.