Manchmal trifft man jemanden, der einem Musik so nahe bringt, wie man sie schon lange nicht gespürt hat. Und manchmal trifft man Musik, die unwillkürlich zu ganz bestimmten Bildern gehört. Und manchmal sind diese Bilder wie die Punkversion einer Sex and the City Szene und wer jetzt keine Lust mehr hat, der soll halt Beethoven hören oder sich mit seinem iPhone 6 auf die Disco Toilette verziehen. Hier sind Lieder, die auf meinem Walkman laufen, wenn ich betrunken, verliebt, übermüdet und aufgewühlt in den Neunziger Jahren nach einem heftigen Oktoberregen mitten auf der Straße nach Hause laufe, ja in New York. Und bei der Frau in meinem Film ist das auch so.

 

Pere Ubu – Final Solution

The girls won’t touch me/ Cos I’ve got a misdirection/ Living at night isn’t helping my complexion/ The signs all saying it’s a social infection/ A little bit of fun’s never been an insurrection

New-Wave-Punk-Rock von begabten, eigensinnigen Musikern schallt laut aus den Kopfhörern einer Frau, die mit halb geschlossenen Augen an einer Halte Stange in der New Yorker U-Bahn lehnt. Ihre Lippen sind dunkel umrandet und der Kajal ist vollkommen verwischt. Die U-Bahn ist fast leer. Nur ein paar abgerissene Männer mit großen Plastiktüten und ein paar knutschende Jugendliche sitzen vereinzelt auf den Sitzen. Die U-Bahn hält. Im Untergrundbahnhof sind durch die verschmierten Scheiben große Werbeplakate zu sehen. Bodyguard wird beworben, der Film des Jahres. Die Frau steigt aus, steckt sich eine Zigarette an und läuft ohne auf das Plakat zu achten die Betonstufen in den New Yorker Morgen hinauf. Pere Ubu spielt immernoch.

 

Lene Lovich – Lucky Number

You certainly do have a strange effect on me/ I never thought that I could feel the way I feel/ There’s something in your eyes gives me a wild idea/ I never want to be apart from you my dear/ I guess it must be true/ My lucky number’s two

Lene Lovich ist mit Nina Hagen befreundet. Lene Lovich setzt sich für Tierrecht ein. Lene Lovich ist eine absolut abgefreakte Exzentrikerin, die als bildende Künstlerin, Schauspielerin, Go-Go Tänzerin ihre Karriere begann. Nach ihrem großen Single Erfolg mit dieser glücklichen Nummer (haha Wortwitz) nahm sie sich selbstbewusst eine Auszeit vom Musikbusiness, das ihr zum Hals heraushing, wurde aber einige Monate später von einem begeisterten Produzenten zurück geholt… Heute ist sie über 60 und macht immer noch Musik. Ihr charakteristischer Lippenstift und die fuck-you-very-much Attitüde machen sich gut, wenn man früh morgens aus einem dunstigen U-Bahnschacht vollkommen verliebt und vollkommen übermüdet auf die Straße tritt.

 

Solex – Honkey Donkey

And when a thick headed donkey like me makes up her foolish thick headed mind/ most of the time she gets what she wants/ And you are going to help me

Okay, dieses Lied ist nicht aus den Neunzigern und nicht aus den Achtzigern und nicht mal aus den 70gern, aber wenn ich diesen Film machen würde, würde das Lied jetzt trotzdem spielen. Die junge Frau betritt wie beiläufig, aber mit hinreißend abgefuckter Gestik die Straße, ein Taxi weicht ihr hupend aus, einige grau bemantelte Personen drehen sich überrascht und begehrlich nach ihr um. Girl, I like your face! Solex ist eine Musikerin mit vielen Facetten. Für diese Szene brauche ich nur dieses Lied.

 

Suzie Quatro – 48 Crash

Well, you got the hands of a man/ And the face of a little boy blue, ooh/ And when you stand, you’re so grand
There’s a case just for looking at you, ooh/ You’re so young/ You could have been the devil’s son

Also Suzie Q darf halt wirklich nicht fehlen, wenn man in den Neunziger Jahren in einer abgerissenen Lederjacke und einer zu großen High Waist Jeans nach einer durchzechten und sexuell angeregten Nacht auf einer nassen Straße in einer verlassenen New Yorker Gegend nach Hause stolziert. Zwar schwankend und mit sehr verschmiertem Lippenstift, aber stolziert. Beim durchwühlen ihrer Taschen nach einer zweiten Zigarette fällt ein verpacktes Kondom auf die Straße. Suzie Quattro ist neben Joan Jett ja quasi der Inbegriff für diese Art des Rock´n´Roll Glamours. Die Nacht der Frau mit dem verschmierten Lippenstift war mindestens so intensiv wie die Glamrock Drums dieses Songs.

 

Ramones – Needles and Pins

I saw her today, I saw her face/ it was a face I love/ And I knew I had to run away/ and get down on my knees and pray that they go away/ Still it begins/ needles and pins

Eigentlich ist dieses Lied von The Searchers. Das Ramones Cover ist erstaunlich nah am Original. Nur eben irgendwie mehr geeignet dazu sich mit einem schönen fettigen Pony vor der Stirn einen Coffee To-Go am einzigen um Fünf Uhr Morgens geöffneten Brooklyn Kiosk zu kaufen und dann wehmütig in unerfüllter Liebe schwelgend weiter zu taumeln. Sie will ihn wieder sehen, das nächste Mal nimmt sie ein Taxi nach Hause. Sie bleibt vor einer Telefonzelle stehen, jetzt kramt sie in den Taschen der Lederjacke nach dem Zettel mit seiner Nummer darauf.

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