Der November ist ein grauer Monat. Vier Wochen voll mit Volkstrauertag und Totensonntag, den letzten Blättern an kahlen Ästen und nassem Asphalt. Durch den November möchte man schnell hindurch, sich vom goldenen Oktober in die Adventszeit hinüberretten.

Ich mag den November trotzdem ganz gern. Ich bin eben auch ein Novemberkind. Noch dazu ein Wendekind. Jedes Jahr zu meinem Geburtstag flackern die Bilder der geöffneten Grenzen über den Bildschirm, liegen Menschen sich wieder in den Armen, werden wieder Reden geschwungen, wird das Land – so hat es den Anschein – wieder darauf eingeschworen, was damals war. Für meinen Geschmack schwingt da zu viel Pathos mit – und zu viele Fahnen sowieso.

Diese (mediale) Verbindung zum November ’89 hat dazu geführt, dass ich ziemlich viel „DDR-Musik“ gehört habe. Leider ist der dickste Stempel, den Musik aus der DDR auf der Stirn trägt, eben „DDR“. Hat man jemals das Wort „BRD-Musik“ gehört? Nein, hat man nicht. Krautrock, ja. NDW, meinetwegen ja. Aber staatstragende Etikette für Musik? Weg damit. Das ist schlicht Musik aus einer anderen Zeit. Und einem Staat, den es nicht mehr gibt. Als nach dem Mauerfall im Westen Geborene kenne ich den sowieso nur aus zum Klischee erstarrten „Ach-früher-die-Armen-da-drüben“-Erzählungen.

Die Sachen, die ich da gut finde, kann man ohne den ewigen DDR-Filter hören, ohne so ein „Ach, sieh mal an, das gab’s da auch“. Weil sie so gar nichts mit dem singendem Kohl am Tor zu tun haben. Auch nichts mit Gedenken. Denn die Musik ist nicht neu, aber frisch, weil haltbar. Denn da hat niemand ein Land besungen, sondern Liebe, Wut, Affären, Halbwelt, Glück, Verzweiflung und Verwirrtheit.

Meine Favoritin aus dieser Ära ist Tamara Danz mit „Silly“. Tamara ist Berlinerin, waschecht, in Thüringen geboren. Mit Achtziger-Löwenmähne, schrillem Aufzug, wohnküchenverrauchter Heul-nich-wat-kommste-ooch-her-Intonation. Schnauze und Schnute. „Rockröhre“, dieses schreckliche Wort kann man nicht spielen, das kann man nur sein. Hart und zart, ziemlich taff, ziemlich zerbrechlich und kein Fall für die halben Sachen. Lieber Studium schmeißen als Jahre vergeuden, an der „Hans-Eisler“ nicht aufgenommen werden. Dass es sie mehr als ein Achselzucken gekostet haben könnte, kann ich mir nicht vorstellen. Dann eben ohne gestempelte Zettel was werden.

An Silly mag ich, dass die Texte emotional sind und trotzdem ironisch. Silly verkauft das mit Esprit und Charme, aber die Distanz zum Gegenstand, die feine Zurückhaltung, die ist nicht ihr Ding. Von Hurensöhnen singen und dann fett grinsen. Erwachsen geworden und rotzfrech geblieben. Wenn Besuch da ist, kann man das kaum hören, ohne das jemand peinlich betreten ist oder das Gesicht verzieht, weil hier ein Fass von Emotionen über uns ausgeleert wird. Aber manchmal geht auch nichts über dickste Eighties, mit so kitschigen Texten, dass man sich reinlegen will in die sich kaskadenförmig überlagernden Stimmen und die triefenden Worte. Denn wer bleibt beim gesunden Mittelmaß, wenn’s um die Einsamkeit geht oder wenn das Schicksal – mal wieder – was ganz Großes mit uns vorhat? Und was, wenn’s dieses Mal wirklich so ist? Na eben.

Die Lieder dieses Mixtape Monday sind leider nur auf Spotify verfügbar. Dort findet Ihr auch unsere Mixtape Monday Playlist mit über 250 weiteren Lieblingsliedern der Redaktion.

 

Raus aus der Spur

Ich schlepp‘ ne Karre hinter mir her / Die ist für mein bisschen Leben zu schwer / Ich schlepp die falschen Freunde mit / Weil ich zu feige bin für den Tritt

Ein Lied für die Päckchenträger im Leben, die sich nicht mit der Plackerei abfinden können und für die es deswegen gleich noch ein bisschen schwerer ist. Es ist von der einer frühen Silly-Platte von 1983, bei der zum ersten Mal Werner Karma, einer der bekanntesten Texter der DDR, die Lyrics schrieb.

 

Verlorene Kinder

Sie rücken aneinander / Auf der Spielplatzbank / Wo sie zu Hause sind / Der Recorder macht für sie / Die Dämmerung lang

Bei „Verlorene Kinder“ geht’s zur Abwechslung wirklich mal um die DDR. Es ist von dem Album „Februar“, das im Februar/März 1989 erschien und ein Abgesang auf ein System war. Es geht um Trabantenstadtatmosphäre, die nur von der Musik und dem Aneinanderfesthalten etwas freundlicher macht wird.

 

Wo bist Du?

Die Nacht hat den Tag langsam umgebracht / und alle Katzen grau gemacht / Ich kühle am Fenster mein Gesicht / Wo bist Du? Wo bist Du? Warum kommst Du nicht?

Wo bist Du? ist ein klassisches Sehnsuchts-Liebeslied mit hohem Schmachtfaktor. Zunächst nur Klavier, dann tatsächlich Streicher, die trau’n sich was. Ich seh’ die wartende Frau in Leggins und seinem Pullover im Schneidersitz an der schwitzenden Einfachverglasung sitzen, die Heizung auf fünf, vergeblich. So gut wie ein Bittermandelshake gegen die Einsamkeit.

 

Landekreuz auf meiner Seele

 
Ich tröste Frauen, die du verlassen / Füttre Kinder die du gemacht hast / Zahl deine Raten an die Kassen / Ich schlafe mit dem Killer, der dich jagt

Ich habe eher nicht die politischen, sondern die Liebeslieder von Silly ausgesucht. Ich beschließe den Mixtape auch mit einem. Die zwei Zeilen „im Schrank nur leere Bügel / Ich stecke das verdammte Haus in Brand“ beschreiben die Stimmung ganz gut, wenn man verlassen wurde und vor Schmerz nicht mehr weiß, wie man gehen, sitzen, laufen, Fremden ins Gesicht sehen soll. Bei „Dreh ab“ hört man gut die Jetzt-erst-recht-Tina-Turner.

 

Tamara Danz starb 1996 an Krebs. Die Band wird mit Anna Loos als Sängerin unter dem gleichen Namen weitergeführt. Die machen gute, solide Musik, die für mich aber nicht die Wucht und den Zauber der Urspungsbesetzung hat.