Tierdokumentationen und Berichte über Tiere waren für mich bis vor wenigen Wochen ein unschuldiges Vergnügen, eine friedliche Freude, entspannte Berieselung. Bis meine Freundin beim Schauen einer solchen Doku mit dem Titel „Super süße Tiere“ den alles verändernden Satz sagte: „Boah, ey diese Tierdokus sind doch auch nur sexistische Scheiße!“. Da dämmerte es mir plötzlich und auf einmal fielen mir all die Sätze auf, die ich fortan nicht mehr übergehen konnte:

Ein dominanter Bulle beansprucht einen Harem von mehreren Weibchen, die er beherrscht und begattet.“

Ähm, ja. Lassen wir uns diese Situation, wie sie in einem Beitrag zu Flusspferden beschrieben wird, doch einmal anders aufschlüsseln: Da ist eine Gang von weiblichen Hippos, die sich gechillt und mit fetter whatever-Einstellung nebeneinander im Wasserloch suhlt, und der eine männliche Hippo, der als Security und Toyboy aller angestellt ist. Toyboy kann nicht jeder Dahergelaufene werden: Die Anwärter müssen ein sehr strenges Auswahlverfahren durchlaufen, um die ausgeschriebene Stelle Schutz & Hetero-Sextoy unserer Girl*gang zu bekommen.

Wer beansprucht tatsächlich wen? Projizieren wir in den Filmkommentaren nicht einfach nur unsere gesellschaftlichen, hochgradig bedenklichen (wenngleich auch unbewusste) Normen und Standards hegemonialer Männlichkeit (heterosexuell, kämpferisch, dominant) und unsere patriarchale Logik auf Tiere? Werden die Tiere nicht sogar als Verkörperung des klischeehaften inneren Tiers, des vermeintlichen animalischen, männlichen Triebs[1] präsentiert, um unsere stereotypischen Rezeptionserwartungen zu befriedigen?

Nehmen wir das Beispiel des romantisch klingenden Tierfilms „Hirsche und Rehe in den Alpen“:

 „Es ist das imposanteste Schauspiel des Jahres: Die stärksten Hirsche versammeln einen Harem und verteidigen ihn gegen Rivalen

Was ich da sehe, ist: Die Hirschkühe grasen harmonisch, entspannt und desinteressiert nebeneinander am Hang, während schreiende, sich die Köpfe einrammende, verschoben und wirr dreinschauende Hirsche kämpfen. Am Ende schnappen sich die Rehe den Sieger des Kampfes für ihre Zwecke und Bedürfnisse. Wer ist hier in der dominanteren Position, wer hat mit dem minimalem Aufwand das maximale Ergebnis erzielt?

So ganz sicher bin ich mir zudem nicht, ob es tatsächlich die ausgeschriebene Stelle Schutz & Hetero-Sextoy unserer Girl*gang gab, oder ob die Männchen sich nicht einfach in eine Rolle drängeln, die im Grunde außerhalb der Herde zu verorten ist; eine selbsternannte und weder eingeräumte, noch anerkannte Position. Und verteidigt der Hirsch nicht vielmehr eine Position, als die Weibchen selbst? Schließlich haben sie von den „Rivalen“ keine Gefahr zu erwarten.

Auch sehr schön anzusehen ist die Tierdokumentation „Im Seelöwen-Himmel“ zu den Seelöwen der mexikanischen Halbinsel Niederkalifornien (Baja California). „Eins werden mit den Wundern der Natur!“ – wow, was für ein starker Slogan. Natürlich will ich eins werden mit all den Tieren, Korallen und Wellen, die gezeigt werden. Ich bin also schon bereits knapp zwei Minuten nach Start des Clips extrem gefesselt. Toll, wie die Seelöwen sich geschmeidig im Wasser bewegen können, und dabei sind die doch so groß! Ich wünschte, ich könnte auch so schwimmen. Die spielen und tollen richtig im Wasser herum – „wie Kinder“!. Süße Laute geben die von sich. Ich würde gerne mal einen anfassen, die fühlen sich sicher glitschig an. Da kommt er schon, der erste Satz der mich zum Lachen und Weinen gleichzeitig bringt:

 „Drei männliche Exemplare teilen sich die Rolle des Leittieres und besitzen jeweils einen Harem. Die weiblichen Tiere und ihre Jungen gruppieren sich lediglich um sie herum und haben sich unterzuordnen.

Besitzen“, „lediglich“ und „haben sich unterzuordnen“ sind ultra sympathische Formulierungen. Ja, ist klar. Ich habe das Gefühl, das, was ich mir da anhören muss, sind die komplexbehafteten Wunschvorstellungen des Sprechers. Aber hacken wir nicht auf dem Sprecher herum, der liest sicher nur ab, was ein*e Producer*in für ihn verfasst hat. Außerdem geht es schon weiter im Film:

 „Ihre Paarungszeit ist das Frühjahr, zwischen April und Mai. Danach entfernt sich das männliche Leittier friedlich von der Herde und es verbringt seine Zeit in der See.“

Oh nein, was machen denn nun die Seelöwinnen ohne ihn? Es muss doch nun das absolute Chaos ausbrechen, so ganz ohne dominante männliche Führung! Leider erfahren wir dazu nichts mehr. Merkwürdig ist dieser abrupte Themensprung schon – schließlich hatte der Macker doch so eine entscheidende Rolle inne. Scheint wohl doch ganz gut ohne ihn zu gehen. Gibt es etwa doch (eine) andere (weibliche) Kontrollinstanz(en) in der Herde?

Die Kamera scheint das nicht weiter zu interessieren. Sie verfolgt unseren Leitlöwen auf seinen Tauchgängen. Endlich gibt es auch Seelöwenbabys zu sehen. Sehr süß. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann auch schon fast vergessen, was mir Sekunden zuvor für sexistischer Mist versucht wurde einzupflanzen.

Das sind nur wenige der zahlreichen Beispiele patriarchaler, sexistischer Deutungsmuster, die auf Tiere angewandt werden. Bei Tierdokumentationen, welche „dominante Weibchen“ thematisieren (z.B. Schwarzweißer Vari, Wüstenbussard, Bonobo, Bärenmakaken, Rhesusaffen), fällt das Wort „Harem“ so gut wie nie, stattdessen werden die Bezeichnungen „Gruppe“, „Kern“ oder „zentrale Stellung“ verwendet. Auch wird die dominante Position nicht annähernd so betont und breit getreten, wie in Berichten zu mutmaßlich leitenden Männchen. Das Vokabular ist ein komplett anderes:

Ein dominantes Weibchen führt die Gruppe an“ / „Kern einer Gruppe ist ein dominantes Weibchen, das auch seine Gruppe gegenüber Artgenossen verteidigt.“

Spannend fände ich herauszufinden, ob mehr Dokumentationen über Tiere gedreht werden, die vermeintlich von einem Männchen geleitet werden.

Es spielt keine Rolle, ob Frauen* oder weibliche Tiere die Mehrzahl oder Minderheit in der Gruppe darstellen: Sie werden grundsätzlich als die owned ones, d.h. als jemandem gehörend, erachtet (Harem; „Hahn im Korb“), als die Gefickten (Gangbang). Nicht als dominierendes, kontrollierendes Element oder als aktiv nehmendes.

Äußerst fragwürdig ist zudem die Beschreibung von Tierverbänden als „Harem“ und das Konzept der Harems im Allgemeinen. In der Literatur und der Malerei wurde zum Thema Harem vor allem das Bild einer lasziven, luxuriösen, trägen und verführerischen Frau entworfen, die ständig auf die Aufmerksamkeit des Mannes wartet. Die Frauen sind eigentlich keine Individuen, keine Subjekte. Sie haben keine Interessen und sind einfach nur da.

Mal davon abgesehen hält der Literaturtheoretiker und -kritiker Edward W. Said den Harem voller williger Frauen ohnehin für eine exotisierende, kulturalistische und rassistische Vorstellung des sogenannten „Westens“ von vermeintlich „orientalischer“ Sinnlichkeit.

Es gilt das Vokabular in den Naturwissenschaften zu reformieren.

Sind wir mal ehrlich: Was du da gerne als Harem sehen würdest, sind womöglich toughe Frauen*banden.

[1] Schmitt, R., 2009. Kampftrinker und andere Helden. Zur metaphorischen Selbstinszenierung eines Geschlechts. In: Marlen Bidwell-Steiner, Veronika Zangl (Hrsg.) Körperkonstruktionen und Geschlechtermetaphern: Zum Zusammenhang von Rhetorik und Embodiment (S. 133-148). Innsbruck: Studien-Verlag