Seit der Silvesternacht in Köln ist der Begriff des „Victim blaming“ in aller Munde. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat Frauen geraten, sich zu Karneval anders zu verhalten als zu Silvester – eine Armlänge Abstand zu halten.

Doch ist das wirklich „Victim blaming“?

Auch hier auf Doktor Peng erschien eine Kolumne, die das Phänomen der Täter-Opfer-Umkehr am Beispiel der Vorfälle in der Kölner Silvesternacht beschreibt. Dort heißt es:

„Die klassischen Beispiele sind ‚dann soll man halt nicht nachts alleine raus gehen‘, ‚dann soll man sich halt nicht so aufreizend anziehen‘, oder brandaktuell ‚dann soll man halt eine Armlänge Abstand halten’“.

Obwohl es sich hierbei um ein indirektes Zitat handelt, wird durch die Anführungszeichen suggeriert, dies sei der Wortlaut  von Henriette Reker. Das eingeschobene „halt“ verleiht dem Satz eine entscheidend neue Bedeutungsnuance, nämlich, dass Reker behaupte, mit dem Einhalten ihres Ratschlages wäre das Problem, quasi im Vorbeigehen, erledigt. So wird Reker eine verharmlosende Haltung bezüglich der Vorfälle im Sinne eines „selbst schuld“ unterstellt. Auch wenn die erteilten Ratschläge aus diversen Gründen zweifelhaft sind, sie sind kein Beispiel für „Victim blaming“.

 

#EineArmlaenge ist nutzlos, aber kein „Victim blaming“

Ein rein pragmatisches Problem mit dem Hinweis, eine Armlänge abstand zu halten, ist zunächst, dass er wahrscheinlich nutzlos ist. Es scheint naiv zu glauben, sexuellen Übergriffen ließe sich mit einer solchen Strategie beikommen. Eine Armlänge ist schnell überwunden.

Darüber hinaus ist es sicherlich unklug „junge Frauen und Mädchen“ mit „Verhaltensregeln“ beschützen zu wollen. So wird unterstellt, dass diese nicht auf sich selber aufpassen könnten und es entsteht ein patriarchalischer Beigeschmack. Aber heißt dies, dass Reker die Schuld an den an Silvester begangenen Straftaten den Opfern gibt, weil diese bestimmte Verhaltensregeln nicht eingehalten hätten? Sicherlich nicht.

Fällt der Begriff des „Victim Blaming“, dann wird er oftmals mit einem „Ich möchte in einer Welt leben in der…“ weiter erläutert. Natürlich, das möchten (fast) alle. Doch wahrscheinlich werden wir niemals in einer Welt leben, in der bestimmte Verhaltensweisen Verbrechen nicht begünstigen. Solange die Idealsituation noch nicht eingetreten ist, ist es durchaus ratsam, sich nicht allein auf das Gesetz zu verlassen, denn ich kann nicht davon ausgehen, dass es die Straftat verhindert. Dass Präventivmaßnahmen gegen Straftaten auch durch potentielle Opfer selbst sinnvoll sein können, zeigt ein alltägliches Beispiel.

Wenn ich mit halb aus der Gesäßtasche ragendem Portmonnaie in einem Bereich, in dem viele Taschendiebe aktiv sind, wie etwa einem Weihnachtsmarkt, bewege, ist dies fahrlässig, auch wenn ich nicht im juristischen Sinne Schuld bin, sollte ich tatsächlich Opfer eines Diebstahls werden.

Die Frage ist: Warum werden Hinweise gegen Taschendiebstahl, wie sie etwa auf Schildern nahe touristischen Attraktionen angebracht sind, nicht als „Victim-Blaming“ wahrgenommen, Verhaltensregeln gegen sexuelle Übergriffe dagegen schon?

Wahrscheinlich, weil die von Henriette Reker vorgeschlagenen Regeln einen größeren Eingriff in die Freiheit darstellen. Ob ich mein Portmonnaie in der Gesäß- oder Innentasche aufbewahre macht für mich keinen essentiellen Unterschied, versuche ich dagegen stets eine bestimmte Distanz zu Personen zu wahren, verändert sich zwangsläufig mein soziales Verhalten im öffentlichen Raum, mein selbstverständlicher, natürlicher Umgang zu anderen leidet und ich werde durch andere Personen möglicherweise als abweisend empfunden. Das ist ein weiterer Grund, die Regel der „Armlänge“ abzulehnen, denn sie evoziert ein allgemeines Klima des Misstrauens.

 

Selbstschutz ≠ Selbst schuld

Ob die Prävention von Straftaten „Victim blaming“ darstellt, sollte aber nicht vom Ausmaß der resultierenden Konsequenzen auf die persönliche Freiheit abhängen, sondern davon, ob grundsätzlich die eigentliche, vom Täter ausgehende, Ursache des Verbrechens erkannt und bekämpft wird.

Henriette Reker hat die Verantwortlichen der Übergriffe klar benannt. Die Verhaltensregeln, auf die sie verweist, relativieren deren Schuld keineswegs und implizieren keine Mitschuld der Betroffenen. Die Bekämpfung der eigentlichen Ursachen sollte immer oberstes Ziel sein, gleichzeitig ist es aber notwendig sich bewusst zu machen, dass, selbst wenn eine solche konsequent erfolgt, Straftaten nie ausgeschlossen werden können.

Es bleibt immer Raum, sich mithilfe eigenen Handelns noch besser zu schützen. Wie weit man dabei gehen, wie weit man die eigene Freiheit einschränken möchte, bleibt jedem selbst überlassen.

Selbst wenn Straftäter mit hundertprozentiger Sicherheit überführt und verurteilt werden, ist es sinnvoll, der Straftat aus dem Weg zu gehen, weil der durch sie erlittene Schaden auch durch juristische Vergeltung vielleicht nicht mehr gut zu machen ist. Das Gesetz kann die Unversehrtheit des Einzelnen also niemals garantieren, es bedarf der Ergänzung durch eigene Umsichtigkeit.

Man kann sich eine Gesellschaft wünschen, „in der eine Frau nackt und mit gespreizten Beinen auf einer Wiese liegen könnte, wenn ihr danach ist“, ohne Opfer eines Verbrechens zu werden, aber die Realisierung einer solchen Welt liegt nicht allein in den Händen der Politik und der Strafverfolgungsbehörden. Ihnen steht unmittelbar nur das Mittel der nachträglichen Verurteilung zur Verfügung, die das Verbrechen nicht ungeschehen machen kann.

Natürlich liegt es nicht allein an potentiellen Betroffenen Straftaten schon im Vorhinein zu verhindern. Auch dem Staat stehen mit Videoüberwachung und dem Einsatz von Sicherheitspersonal Mittel zur Verbrechensprävention zur Verfügung, welche die Vorsichtsmaßnahmen des Einzelnen weniger notwendig machen könnten.

Ein Ausbau des Sicherheitsapparates ist aber aus altbekannten Gründen nicht unbedingt erstrebenswert, bedeutet er doch die Begünstigung von Kontrollwahn und Schikane seitens der Behörden. Hier zeigt sich eine Paradoxie der linken Haltung, von deren Seite der Begriff des „Victim blaming“ zumeist angebracht wird: Eine Gesellschaft, in der keinerlei verbrechensbegünstigenden Verhaltensweisen existierten, wäre wohl ein Überwachungsstaat.

Tatsache ist doch, auch in einer Gesellschaft, wie sie hier und heute existiert, würde ein etwaiger Vergewaltiger jener auf der Wiese liegenden Frau die juristische Schuld für seine Tat alleine tragen. Trotzdem, so unbequem es klingen mag, hätte die Straftat durch ein anderes Verhalten des Opfers vielleicht nicht stattgefunden. Wenn man also dazu rät, sich nicht mit gespreizten Beinen auf eine Wiese zu legen, da es die Chance auf eine Vergewaltigung erhöht, dann ist dies also keine Beschuldigung des Opfers, sondern unter den gegebenen Umständen ein durchaus sinnvoller Ratschlag.

Dies schließt aber nicht aus, und hier liegt das Missverständnis derjenigen, die reflexartig „Victim-Blaming“ unterstellen, die gegebenen Umstände als falsch zu benennen. Der Fokus sollte deshalb nicht auf dem Aufstellen von Regeln liegen, sondern auf der Überwindung gesellschaftlicher Strukturen, die solche Verhaltenskodexe notwendig machen.

  • Tamam

    Also ich dachte kriminelle Personen sollen bestraft werden… Denn ja, die von dir erwähnte Befolgung eines Verhaltenskodex durch Frauen ist Strafe. Diese Ratschläge sind Victor Planung! Tu dies, tu das, tu jenes, sonst ist klar was passier – und dass du selbst Schuld bist. Schließlich lag es in deiner hand. Alta, kein Mensch hat das Recht über mich, mein Verhalten oder meine Erscheinung zu bestimmen. Ich habe als Frau IMMER das Recht mich sicher zu fühlen! Ich schlage vor lieber dr. Irritiert, äh, ich meine Irrgang, wie wär’s wenn du den Text nochmal von neu schreibst und dabei erwähnst das Täter/rin ihr handeln in dem Moment hinterfragen sollen und falls sie das nicht können muss man den klar und deutlich machen, dass dieses handeln Konsequenzen hat. Vielleicht solltest du mal in eine Bar gehen wo du von rechts von links betatscht wirst ich glaube dann würde so ein Bullshit nicht zustande kommen! Sexistische Menschen scheissen auf Kleidungsstücke von Frauen die Frau kann von unten bis oben verhüllt sein sie wird trotzdem angemacht und falls du dass nicht glaubst solltest du mal mit vielen unterschiedlichen Frauen ein Interview führen und dann würde so ein Bullshit nich rauskommen.äquivalent zu der quintessenz dieses textes würde man Menschen mit migrationshintergrund Raten, diesen nicht in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, um nicht Opfer von rassistischen Übergriffen zu werden. Das ist ein Text geschrieben aus der Perspektive einer überpriviligierten Person.

    • Whatever

      Dem stimme ich zu!

      „Auch gut Gemeintes wie beispielsweise Ratschläge, was Frauen tun könnten, um keinem Sexualverbrechen zum Opfer zu fallen, ist Teil dieser patriachalen Kultur des victim blamings, denn nicht Frauen sollen acht geben müssen, wo sie sich wie verhalten, sondern Vergewaltiger haben nicht zu vergewaltigen.“

      (https://lindwurm.wordpress.com/2015/07/31/rape-culture-victim-blaming/ )

  • Tamam

    Sorry für die Rechtschreibfehler,ab ich bin aufgebracht und empört!!!

  • Peter

    @Tamam
    ist dir nicht aufgefallen, dass dir in allen punkten recht gegeben wird? es wird deutlich darauf hingewiesen, dass eine gesellschaft, in der jeder frei leben kann, erstrebenswert ist. doch zu diesem zeitpunkt ist dies noch nicht der fall, weshalb man sich als frau (bedauerlicher weise) nicht komplett frei verhalten kann. deshalb ist es in manchen situationen als bürger erstrebenswert mit gewissen verhaltensregeln durchs leben zu gehen, wenn man nicht opfer einer straftat werden will. dies ist jedoch die freie entscheidung jedes einzelnen. dennoch bedeutet dies nicht, dass deine schuld nur um 1 prozent größer wird, wenn du nackt durch berlin läufst und sexuell belästigt wirst. das ziel sollte sein, dass wir in einer gesellschaft leben, in der solch eine diskussion gar nicht erst aufkommt.