„Frauen sind ja selber schuld, dass ihnen nach Vergewaltigungen nicht geglaubt wird. Zu viele von ihnen missbrauchen die Anzeige, um sich an einem Mann zu rächen!“.

Der Tag hat noch nicht einmal richtig begonnen, der Kaffee ist gerade erst aufgebrüht, der Geist findet langsam erst seinen Weg in den Wachzustand. Auf diesen Satz meiner Gegenüber war ich nicht vorbereitet. „What the fuck!“ und irgendwas von victim blaming („Täter-Opfer-Umkehr“), rape culture und gesellschaftliche Gehirnwäsche war meine Antwort. Danach hat sich mein Verstand direkt wieder auf den Weg zurück in die Stille des Schlafes verabschiedet – weit weg von Sexismus, Homophobie, Rassismus und sonstigem Abschaum.

Grade jetzt kursieren wieder viele Themen in den Medien, die zugleich Pulver, Lunte und Funke explosiver Diskussionen darstellen. Optimaler Verlauf einer solchen Auseinandersetzung wäre der sachliche Austausch von Fakten, mit offenem und freundlichem Aufeinandereingehen und dem gemeinsamen Ziel einer beidseitig lehrreichen Schlussfolgerung.

Doch das Leben ist bekanntlich weder Ponyhof noch Lollipop. Menschen bewegen sich häufig weit außerhalb der Reichweite von Vernunft, Verstand und Sachlichkeit.

Es gibt einige Settings und Gesprächskonstellationen, die besonders prädestiniert dafür sind, kostbare Energie zu schlucken – und schwarze, stinkende Energie zurück zu spucken. Gesprächsrunden, aus denen mensch erschöpft, unbefriedigt und genervt heraus geht. Kooperation? Fehlanzeige. Der gemeinsame Nenner ist mit erhobenem Mittelfinger und hämischem Lachen über alle Berge.

Wir lassen uns trotzdem immer wieder auf Streitgespräche ein. Die Gründe hierfür reichen vom verdammten inneren Feuer der Leidenschaft für bestimmte Inhalte, bis hin zu Helfersyndrom oder Masochismus. Vielleicht liegt es auch an der Hoffnung auf die Wirkung des steten Tropfens, der die verschrobenen Ideale, schädlichen Ideologien und verirrten Annahmen eines Menschen von Gespräch zu Gespräch höhlen soll. Zwar trifft es für viele Steine zu, dass sie über kurz oder lang dem feuchten Element nachgeben, aber manchmal beißt mensch eben auf Granit.

Darf es in Ordnung sein, Diskussionen für beendet zu erklären und freundlich lächelnd den Ring zu verlassen?

Ja! Der Ausstieg ist die logische Konsequenz von Selbstschutz und Sachverstand. Diskussionen dürfen für beendet erklärt werden, v.a. wenn auf die Gründe für diese Entscheidung verwiesen wird.

Beispielsweise können sich Gruppenkonstellationen erschwerend auf eine Diskussion auswirken. Hier spielen nicht nur inhaltliche Interessen eine Rolle, sondern auch die Gruppendynamik: Die einzelnen sind damit beschäftigt, das Gesicht zu wahren und sich selbst gut darzustellen. Zugeständnisse, Kompromisse oder das Eingeständnis von Fehlern passen da eventuell nicht ins Konzept. Mischt mensch noch Unsicherheiten, Komplexe, unreflektierte Gedanken oder wahlweise auch eine Prise Egoismus und Rechthaberei unter, kommt die Unterhaltung schnell vom konstruktiven Pfad ab und driftet auf verhärtete Fronten zu.

Was folgt, ist häufig ein „Trotzdem!“. Lässt sich keine kompetente Moderation auftreiben, bleibt nur, die Unterhaltung unter vier Augen fortzusetzen, oder ganz zu lassen.

Gegen Engstirnigkeit ist kein Kraut gewachsen

Vorurteile und sogar feindliche Gesinnungen stellen eine weitere Wand dar, gegen die eine Unterhaltung gefahren werden kann. Dies zeigt sich auch gerade im gegenwärtigen medialen Hin und Her. Diese zwei Faktoren, verweigern sich häufig jedem noch so guten Argument und jeglichem diplomatischen Geschick. Sie bedürfen therapeutischer Hilfe.

Wenn ich geflüchteten Menschen feindlich gegenüber stehen will, wenn ich meinen Umgang auch mit Frauen nicht respektvoller gestalten will, wenn ich auf Biegen und Brechen alten Denkmustern verhaftet bleiben will, werde ich kein anderes Narrativ zulassen.

Dann werde ich die Gegenmeinung nicht durchdenken, reflektieren oder gar annehmen. Ich werde meinen Standpunkt unverhohlen auch ohne Argumente als valide erachten: „Das glaube ich nicht.“, „…, aber …“, „Trotzdem!“. Der Moralist und Essayist Joseph Joubert bringt es auf den Punkt: Statt Gewinn wird in solchen Fällen Sieg als Zweck der Diskussion verfolgt. Diskussion beendet.

Ein schwarzes Loch jeglichen Sinnverstandes sind zudem ausführliche, in Dauerschleife geführte Monologe. Von Menschen, die am liebsten sich selbst reden hören. Es kann vorkommen, dass diese „Buddhas“ das Wort kurzzeitig abgeben, nur um anschließend dort weiter zu machen, wo die Rede zuvor beendet wurde. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ob das Gespräch Sinn macht? Nur wenn devotes Kopfnicken praktiziert werden möchte.

„Es gibt Menschen, die sich in der Diskussion dadurch siegreich erhalten, daß sie niemand zu Worte kommen lassen.“ (W.G.A. v. Kügelgen)

Brechmittel wird verabreicht, wenn statt Fakten persönliche Anekdoten oder Erfahrungsberichte und Meinungen angeführt werden: „Ich kenne aber einen Ausländer, der…“, „Die Partnerin der Cousine dritten Grades meines guten Bekannten Matthias …“.
Auch wichtig: Behauptungen sind keine Argumente: „Ich finde/ denke/ glaube …“ das interessiert wirklich niemanden.

Pillepalle-Ausschnitte aus der Wirklichkeit werden großzügig auf ganze Personengruppen ausgeweitet. Weil das Gesellschaftsmalbuch auf diese Weise schneller mit Farbe ausgefüllt ist und die Welt viel überschaubarer erscheint. Aussagekraft? Keine. Diskussion beendet.

Eine „logische Aneinanderreihung überzeugter Denkfehler“ (A. Egert)

Es kann vorkommen, dass jemand falsch liegt, aber stärker ist im Argumentieren. Die Wortgewandtheit ist bewundernswert, der Standpunkt trotzdem rassistisch oder anderweitig diskriminierend. Wenn mensch sich solchen Auseinandersetzungen nicht gewachsen fühlt, ist es legitim, die Diskussion zu verlassen. Sonst ist die Diskussion nicht mehr als „eine Methode, um andere in ihren Irrtümern zu bestärken“ (A.G. Bierce, „Des Teufels Wörterbuch“).

Immer und immer wieder die gleichen überholten Ansichten. Immer wieder die gleichen Fragen, die gleichen Vorurteile, die gleiche Unfähigkeit Tatsache von Meinung zu unterscheiden. Wie schon Doktor Eck in „Selber Schuld!?“ festgestellt hat: Schulen sollen uns mit besserem Werkzeug ausstatten. In diesem Fall: Um Kleingeister ertragen zu können.

Diskussion beendet! Wie kann die nächste Diskussion besser funktionieren?

Mit einem offenen Gesprächsklima. Was es dafür braucht? Die Bereitschaft eigene Anschauungen umzustrukturieren und zu reflektieren: Was denke ich über bestimmte Menschen? Was ist meine Perspektive auf bestimmte Sachverhalte und wie komme ich zu dieser Perspektive? Bin ich bereit, einzugestehen, dass mir eventuell ein Teil des großen Ganzen entgeht? Bin ich in der Lage, mich lösungsorientiert einer Diskussion hinzugeben?

Es ist wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass wir nicht alle Menschen überzeugen können. Das müssen wir auch nicht. Jeder Mensch steht in erster Linie selbst in der Verantwortung, sich weiterzubilden. Jeder Mensch hat seine Konstruktion von der Wirklichkeit. Seine ganz eigene, individuelle Wahrheit. Ich kann diese anderen Wahrnehmungswelten streifen, kurzzeitig versuchen zu verstehen, aber ganz und gar werden wir nie eine 100%-ige Deckungsgleichheit haben. Über sieben Milliarden Wirklichkeiten, Wahrheiten, Welten.

Sind Gespräche nicht bereichernder, je mehr wir bereit sind aufzunehmen? Es lebt sich so viel schöner mit einer offenen, unfeindseligen, positiven Grundeinstellung! Ach, was wäre die Welt für ein freundlicher Ort, wenn wir alle ein bisschen mehr denken würden.

Manchmal können Schlüsselerlebnisse mehr ausrichten, als zig Diskussionen. Im Falle mancher Menschen, kann nur auf ein solches Schlüsselerlebnis gehofft werden. Solange muss der gesellschaftliche Fortschritt leider warten.

 

 

Der Artikel ist zuerst erschienen bei Die Störenfriedas.