Die Debatte um das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung der Frau, Symbol des Glaubens oder neues Accessoire in Pornofilmen ist nicht neu. Bei der Burka ist man sich aber weitestgehend einig: Die Komplettverschleierung ist als erzkonservativ-islamisch einzuschätzen.

Die Burka kann aber auch Superheldinnenkostüm sein. In der pakistanischen Kindersendung „Burka Avenger“, schlüpft die Lehrerin einer dörflichen Grundschule in das Ganzkörperkleidungsstück, um so unerkannt gegen zum Beispiel religiöse Fanatiker zu kämpfen. Sie sieht dabei aus wie ein Ninja – die religiösen Gegenspieler hingegen kombinieren „klassisch“ Turban mit Vollbart. Die Lehrerin öffnet zum Beispiel eine Mädchenschule wieder, die von den Islamisten geschlossen wurde . Die Folge endet dann mit einer Hip Hop-Jam mit dem Text „Don’t mess with the lady in black“.

Kommt das in Pakistan tatsächlich an oder wirkt die Serie wie die bemühte Hirngeburt eines Zusammenschlusses von (westlichen) NGOs? Schließlich ist nur wenig uncooler als nicht-authentischer Hip Hop und das Anbiedern an jugendliche Ausdrucksformen, um dann auch noch allzu offensichtlich die Fernsehschauenden mit dem von liberalen Statements geschwängerten Subtext zu beeinflussen.

Hinter der Serie steckt jedoch keine NGO, sondern der Londoner Popsänger Aaron Haroon Rashid, genannt Haroon, der mit 16 einen Song auf Urdu (Amtssprache in Pakistan) aufnahm und an MTV schickte – der Musiksender sendete damit seinen ersten Urdu-Song. Finanziert wurde Burka Avenger von einem/r anonymen Gönner/in. An dieser Stelle kann man den Spekulationen freien Lauf lassen. Fest steht, dass die Serie vom pakistanischen Studio Unicorn Black unter der Regie von dem in Pakistan ansatzweise bekannten Uzair Zaheer Khan produziert wird. Das Drehbuch, welches neben dem universellen Recht auf Bildung auch Korruption, Aberglauben, Impfungen und Kinderarbeit zum Thema macht, wurde ebenfalls von einem Pakistani, Adi Abdurab, geschrieben. Auf den ersten Blick, keine NGO weit und breit zu erkennen.

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Unabhängig vom Hintergrund ist es interessant, dass die Serie von sehr unterschiedlichen Akteuren teilweise heftigst kritisiert wird. Auf der einen Seite kritisieren Konservative das Format, da sie darin einen Werteverfall und das Aufweichen von Traditionen erkennen. Für einen Teil von ihnen sind solche Formate weitaus gefährlicher als beispielsweise Necla Kelek oder Hamed Abdel-Samad, die den Islam fundamental kritisieren, sich dafür aber auch als Ungläubige abstempeln lassen. Schließlich hat die Serie breiten Erfolg. Seit Mitte 2013 wurden 13 Folgen vom beliebten Sender Geo Tez in Pakistan ausgestrahlt, es gibt ein Smartphonespiel, Videoclips und ein Musikalbum mit vielen pakistanischen Musikern. Nun soll die Serie auch international vermarktet werden – noch in diesem Jahr soll der indische Markt folgen.

Auf der anderen Seite ist die Serie für manche Frauenrechtlerinnen und für selbsternannte Islamkritiker ein Dorn im Auge. Ein Teil von ihnen findet es absurd, dass gerade die Burka zum Superheldinnenkostüm hochstilisiert wird. Andere von ihnen befremdet der figurbetonte Schnitt der Burka – völlig realitätsverzerrend, finden sie. Dem stimmt auch die Schriftstellerin und Journalistin Bina Shah zu, die fragt ob es richtig sei, dass die Serie suggeriere, dass mit der Burka Macht erlangt und nicht abgegeben wird.

Dem entgegen steht die Philosophie „den Menschen dort abzuholen, wo er steht“. Diesem Ansatz folgend ist eine Burka in Pakistan eben angemessener als ein freizügiges Catwoman-Kostüm. Und schließlich kommt es ja auf die heroischen Taten und Methoden an – nicht auf die Körperbedeckung. Die heldenhafte Lehrerin nutzt zum Beispiel Bücher und Bleistifte (im wahrsten Sinne des Wortes) als Waffen, um gegen die Taliban oder korrupte Politiker zu kämpfen.

Sicher ist es aber nicht nur für Jugendliche in Pakistan (oder bald auch in anderen Ländern in denen vornehmlich Muslime leben) vorteilhaft, eine unübliche Frau unter einer Burka zu sehen (oder eben nicht zu sehen). Auch in westlichen Ländern könnte die Serie helfen, Unbehagen bis Angst gegenüber der Burka abzubauen. Das bedeutet nicht, dass sämtliche Kritik vergessen werden sollte – aber Angst, Misstrauen und Unbehagen sind sicher nie eine gute Basis für eine Debatte.

Amüsant ist die Serie in jedem Falle – und dabei ist sie größtenteils nicht moralisierender als „Die Simpsons“ oder „Southpark“. Wer will, kann sich hier mit der ersten Folge einen kleinen Eindruck verschaffen: