Vor 40 Jahren starb der italienische Schriftsteller und Regisseur Pier Paolo Pasolini eines gewaltsamen Todes. Neben seinen Filmen hinterließ er ein reichhaltiges literarisches Werk, das ein Grund für seine Ermordung gewesen sein könnte.

Mehrere gebrochene Rippen, ein gebrochener Kiefer, der Tod schließlich tritt ein, weil das Herz platzt. Die Art und Weise, wie Pier Paolo Pasolini in der Nacht zum 2. November 1975 ums Leben kam, kann man wohl als Ironie des Schicksals bezeichnen. Ein ganz und gar pasolinesker Tod. Der Schluss seiner eigenen „Vita violenta“. Lange Zeit galt der junge Giuseppe „Pino“ Pelosi, ein Strichjunge, den man „la rana“ (ital. der Frosch) nannte, als der Täter, obwohl viel darauf hindeutete, dass mehrere Personen an der Tat beteiligt gewesen sein mussten. So sehr war der Körper des Autors und Filmemachers geschunden worden.

Ein Leben als Provokation

Pier Paolo Pasolini wird 1922 als Sohn des Berufsoffiziers Carlo Alberto Pasolini und der Volksschullehrerin Susanna Colussi in Bologna geboren. Seine Jugend ist geprägt von der Zeit im Friaul, in der Ortschaft Casarsa della Delizia, in dem seine Großeltern mütterlicherseits lebten und wo er die Schulferien verbringt. Schon früh entsteht mit „Poesie a Casarsa“ ein Lyrikband im friulanischen Dialekt– schon das ein erstes Zeichen der Unangepasstheit – denn  „der Faschismus duldete die Dialekte nicht, sie waren Zeichen/der irrationalen Einheit dieses Landstrichs, in dem ich geboren bin/unerhörte und schamlose Realitäten im Herzen der Nationalisten!“

Sein in Bologna aufgenommenes Studium der Kunstgeschichte muss Pasolini aufgeben, als er 1943 zur Armee eingezogen wird. Den Befehl, die Waffen an die deutschen Besatzer auszuliefern, verweigert er und flieht über Umwege nach Carsasa, in dem er die letzten Kriegsjahre mit seiner Mutter verbringt und als Lehrer unterrichtet. In jene Zeit fällt auch der Tod seines Bruders Guido, der als Partisan ebenso gegen den Faschismus wie gegen die jugoslawische Annexion des Friauls gekämpft hatte. Hier entdeckt Pasolini die eigene Homosexualität und wird Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. Nachdem er jedoch von dreien seiner Schüler unsittlicher Handlungen beschuldigt wird und ihm der „verderbliche Einfluss dekadenter Poeten und Literaten“ – unter anderen ist Sartre damit gemeint – zur Last gelegt wird, schließt die Partei ihn aus.

Auch seine Stelle als Lehrer verliert er durch die Anschuldigungen, die sich als falsch herausstellen. Ohne Stelle und somit ohne finanzielle Grundlage geht Pasolini mit seiner Mutter 1950 nach Rom.

Aufbruchstimmung

Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Dennoch sind die Zeiten in den römischen Vororten alles andere als sicher. Die Armut ist allgegenwärtig. In der Peripherie der Stadt findet er das, was er später „vorchristliches Barbarentum“ mit einer epikureischen, stoischen Mentalität nennt. 1965 schreibt er: „Wo die Konventionen von den Regeln eines primitiven Egoismus diktiert werden, kann sich kein christliches Bewusstsein ausbilden.“

Hier versucht der 28-Jährige Arbeit zu finden, klopft in Cinecittà an und erhält eine erste Statistenrolle. Außerdem lektoriert er Manuskripte und verkauft Bücher auf den Märkten der Stadt. Er wird Mitarbeiter der Zeitschrift „Paragone“ und veröffentlicht dort das erste Kapitel von Ragazzi di vita. 1954 zieht er in den Stadtteil Monteverde Vecchio. Sein erster bedeutender Gedichtband La meglio gioventù kommt heraus.

Pasolini mit Totò von Unbekannt (http://www.centrostudipierpaolopasolinicasarsa.it/) [Public domain], via Wikimedia Commons

In den folgenden Jahren arbeitet er als Drehbuchautor zusammen mit Regisseuren wie Bolognini, Rosi, Vancini und Lizzani, bringt seinen ersten Roman heraus und dreht eigene Filme. Und stets wird er angefeindet von der Presse und der offiziellen Kulturlinie der Kommunistischen Partei, die ihm morbiden Geschmack, Perversion und Zersetzung vorwirft. Generell ist er als bekennender Homosexueller, Linker und scharfer Kritiker für die italienische Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre nur schwer annehmbar. In seinen Texten und Filmen erzählt er von einer Welt der Strichjungen, der Armen, der Huren und Ganoven. Eine Welt, die man lieber nicht sehen, nicht wahrhaben wollte, die jedoch in der unmittelbaren Nähe des Bürgertums, der Dekadenz, der Schönen und Reichen allzu real besteht. Seine Geschichten, seine Perspektive, ja er selbst sind nicht erwünscht. Aufgrund sexueller Exzesse wird sein letzter Film Salò – Die 120 Tage von Sodom in Italien vorerst verboten. Die Uraufführung muss 1975 in Paris stattfinden. Pasolini wird angefeindet, erhält Drohungen.

Pasolinis letztes Werk

„Ich arbeite an einem Roman. Es soll ein langer Roman werden, mindestens zweitausend Seiten. Der Titel wird sein: Petrolio. Er handelt von allen Problemen der letzten zwanzig Jahre unseres politischen, administrativen Lebens in Italien, der Krise unserer Republik: […], unseres anmaßenden Neokapitalismus.“ So gibt der Schriftsteller Paolo Volponi Pasolinis Worte aus deren letzten Treffen wider.

Seit Anfang der 1970er Jahre schrieb Pasolini an Petrolio. Dem Leser liegt heute nur etwa ein Viertel des Buches vor, wenn überhaupt. Vierzig Jahre nach seinem Tod gibt der Wagenbach-Verlag eine Neuauflage dieses großen, nur fragmentarisch erhaltenen Werks heraus. Die Literaturgeschichte kennt einige dieser posthum veröffentlichten Werke großer Autoren. Bei Petrolio aber handelt es sich um einen Schnipsel, ein Fragment eines Werkes, dessen ursprünglich geplanter Umfang nur abgeschätzt werden kann, und welches Pasolini zwar erwähnte, aber wie ein Geheimnis hütete. „Es enthält alles, was ich weiß“, sagte der Autor einst über dieses Buch. „Es wird vielleicht mein letztes Werk sein.“ Damit behielt er in jedem Fall recht.

Der Roman spielt in der Zeit zwischen Ende der fünfziger und Anfang der siebziger Jahre. Der Protagonist Carlo ist Manager eines staatlichen Energiekonzerns. Er ist ein Machtmensch, der sowohl zur Politik und dem Finanzwesen als auch zu Mitgliedern des organisierten Verbrechens gute Beziehungen unterhält. Darüber hinaus ist Carlo ein Sexbesessener, der es selbst auf engste Verwandte abgesehen hat. Diese zwiespältige Figur ist nicht nur die Verkörperung der von Pasolini so verhassten Welt der politischen und wirtschaftlichen Macht. Die Wahl des Namens ist gewiss nicht zufällig, denn Carlo hieß auch Pasolinis Vater, der faschistische Offizier.

Noch immer ungeklärt

In der Nacht zum 2. November 1975 wird Pasolini ermordet. Seine Leiche wird am Strand von Ostia gefunden, mehrfach mit seinem eigenen Wagen überfahren. Zwar wird 1979 der Stricher Pino Pelosi des Mordes schuldig gesprochen, abschließend aufgeklärt wird der Mord jedoch nie. Im Gegenteil – 35 Jahre später widerruft Pelosi nach der Haftentlassung sein Geständnis. In einer TV-Sendung behauptet er 2005, Pasolini nicht umgebracht zu haben, sondern lediglich Lockvogel gewesen zu sein. Die wahren Täter seien drei mutmaßlich sizilianisch sprechende Männer gewesen, von denen einer Pelosi damit gedroht habe, sowohl ihn als auch seine Eltern umzubringen, wenn er nicht schweigen würde. 

"Park" und Gedenkstein an der Stelle, wo Pasolinis Leiche gefunden wurde Foto: Sal.vi CC BY-SA 2.5 via Wikimedia Commons

1974 erschien auf der Titelseite des Corriere della Sera, der größten italienischen Tageszeitung, Pasolinis Pamphlet „Ich weiß“, in dem er die Italiens Führungsschicht anklagt. Dieses Pamphlet enthält bereits einen Hinweis auf sein nicht fertiggestelltes Werk: „Ich weiß. Ich weiß die Namen der Verantwortlichen für das, was ›Staatsstreich‹ genannt wird. Ich weiß all diese Namen und kenne alle Vergehen, (…) derer sie sich schuldig gemacht haben. Ich weiß. Aber ich habe keine Beweise. Nicht einmal Indizien. Ich weiß, weil ich ein Intellektueller bin, ein Schriftsteller, der versucht, nachzuvollziehen, was passiert; der sich vorzustellen vermag, was man nicht weiß und was verschwiegen wird. All das gehört zu meinem Beruf und zur Begabung, die diesen Beruf ausmacht. Ich denke, es ist nur schwer möglich, dass ich mit meinem ›Romanprojekt‹ falsch liege.“ Die jungleworld-Autorin Catrin Dingler traf 2010 Guido Calvi, den Anwalt, der nach Pasolinis Tod dessen Familie vertrat. Calvi sagte ihr, dass er glaube, dass Pasolini mehr in der Hand gehabt habe und tatsächlich einige Dinge wusste. In „Petrolio“ zeigt Pasolini das starke Geflecht aus Industrie und christdemokratischer Partei auf. Der Roman ist in nummerierte Anmerkungen unterteilt, von denen eine, die Anmerkung 21, verschollen sein soll. Es gibt Vermutungen, dass in eben jenem Kapitel Hinweise auf die politisch Verantwortlichen für den Tod  des Vorsitzenden des ehemals staatlichen Erdölunternehmens ENI, Enrico Matteis, enthält. Für den Anwalt Calvi steht fest, dass es sich bei Pasolinis Ermordung um ein politisches Verbrechen gehandelt hat.

2009 rollte die Staatsanwaltschaft den Mordfall Pasolini zum vierten Mal wieder auf. Ohne Ergebnis jedoch schlossen die Richter im Mai 2015 die Akte Pasolini wieder. In seiner Pasolini-Biografie greift Enzo Siciliano die Zweifel an der Wahrheit der offiziellen Version zum Tod bereits 1978 auf, während der Schriftsteller und Pasolini-Cousin in seiner Biografie von der Tat eines Einzelgängers ausgeht. Bis heute lassen sich zu den wahren Todesumständen nur Mutmaßungen anstellen. Mit ziemlicher Sicherheit kann man aber sagen, dass Pelosi nicht der Täter war.

So streitbar Pasolini sein mag, er fehlt in der heutigen Kulturlandschaft Italiens, die vielmehr von einer oberflächlichen Unterhaltungsindustrie geprägt ist als von intellektuellen Denkern und Kritikern. Pasolini war ein Kritiker seiner Zeit sondergleichen, wie wir ihn in Italien am ehesten noch in der Person eines Roberto Saviano finden. Wer auch immer den Tod Pasolinis zu verantworten hat, sein Ziel hat er erreicht, indem er eine der wichtigsten kritischen Stimmen Italiens hat verstummen lassen.

 

Pier Paolo Pasolini: Petrolio
Aus dem Italienischen von Moshe Kahn
Wagenbach, 2015
720 Seiten. 19,90 €

Nico Naldini: Pier Paolo Pasolini. Eine Biographie
Aus dem Italienischen von Maja Pflug
Wagenbach, 2012
392 Seiten.  15,90 €