Die Geschichte von „Pastygate“ hat mir ein englischer Freund erzählt. Sie passierte schon im März 2012, aber weil ich sie lustig finde und sie auch etwas über Politik im Allgemeinen sagt, erzähle ich sie nach.

Wie in Deutschland zahlen die Verbraucher in England für viele Waren Mehrwertsteuer. Die Höhe dieser Steuer ist je nach Warenkategorie verschieden hoch. Während man für kalte Nahrungsmittel, etwa aus dem Supermarkt, keine Mehrwertsteuer zahlt, wird für Essen im Restaurant und für sogenanntes „Hot-take-away-food“ der Standardsteuersatz von 20 Prozent fällig. In der Folge der Weltwirtschaftskrise bemühte sich die konservative Regierung in Großbritannien, mehr Geld über Steuern einzunehmen, um der steigenden Staatsverschuldung entgegenzuwirken. Steuern zu erhöhen oder neue Steuern einzuführen kommt im liberal-kitalistischen England eher schlecht an. Deshalb verkündeten die Regierungspolitiker um David Cameron, sie wollten Schlupflöcher im bereits bestehenden Steuersystem schließen. So wollte die Tory-Party zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie macht sich nicht durch neue Steuern unbeliebt und kann sich sogar noch als konsequente Regierung darstellen, die die Steuergesetze unnachgiebig durchsetzt.

Eigentlich also ein kluger Plan, dessen Umsetzung aber unter keinem guten Stern stand. Die Regierung machte als Schlupfloch ausgerechnet Pasties aus. Das sind halbkreisförmige Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse und Fleisch, für die man bisher keine Mehrwertsteuer zahlen musste. Aber Pasties werden gewöhnlich in Imbissen frisch gebacken und noch warm serviert oder zum Mitnehmen eingepackt. Deshalb sollten die Kunden jetzt auch für Pasties 20 Prozent zahlen. Zumindest dem Klischee nach, kaufen sich vor allem einfache Leute aus armen Landstrichen in Westengland in der Mittagspause gerne am Imbiss um die Ecke ein paar ofenwarme Pasties. Das machten sich die Konzerne und Budenbesitzer, die mit Pasties ihr Geld verdienen, zunutze. Sie wollten natürlich nicht, dass der Preis ihrer Pasties steigt und schwangen deshalb die Sozialkeule gegen David Cameron: „Mehr Staatseinnahmen in Krisenzeiten – schön und gut. Aber dabei solle man sich doch bitte bei der dekadenten Bourgeoisie und nicht bei den kleinen, armen Pasty-Essern in Cornwall bedienen.“ Die Breitseite verfehlte ihr Ziel nicht. David Cameron, der sowieso schon mit seinem Image des reichen Snobs zu kämpfen hat, stand zunehmend als sozial rücksichtslos da.

Aber der Premier wehrte sich und erklärte, dass er den ärmeren Bürgern nicht schaden wolle. Es gehe nur um eine gerechte und konsequente Anwendung der Steuer. Außerdem sei er selbst großer Pastyfan. Dafür hatte der 46-Jährige sogar einen Beweis: „I think the last pasty I bought was from the West Cornwall Pasty Company. I seem to remember I was in Leeds station at the time and the choice was whether to have one of their small ones or one of their large ones. I have got a feeling I opted for the large one, and very good it was too.“ Er mag Pasties, er isst Pasties und dann auch noch die großen – volksnäher gehts nicht, sollte man meinen.

Aber der Schuss ging nach hinten los. Kurz darauf tauchte auf Twitter die Nachricht auf, der Pasty-Imbiss in der Station in Leeds habe schon vor langer Zeit seine Pforten geschlossen. Mehrere Zeitungen bestätigten das. Hatte der Premier etwa gelogen? Der Verdacht stand drohend im Raum. Ein Regierungssprecher sprang in die Bresche und bekräftigte, dass Cameron definitiv ein Pastyesser sei. Er habe sich nur falsch erinnert, wo und wann er das letzte Mal einen gegessen habe. Allerdings verriet der Sprecher nicht, wo der Premier stattdessen seinen letzten oder überhaupt irgendeinen Pasty gegessen hatte, sodass die Medien in den folgenden Wochen erbittert diskutierten, ob David Cameron ein Lügner ist, ob er Pasties mag und wo er das letzte Mal einen gegessen hat. Aber damit nicht genug. Das Thema wurde so groß, dass Ed Miliband und zwei weitere hochrangige Politiker der oppositionellen Labour-Party die Glaubwürdigkeitskrise der Regierung, was Volksnähe angeht, ausnutzten. Sie gingen demonstrativ vor den Linsen mehrerer Fotographen Pasties essen und verkündeten mit vollen Mündern, Camerons fehlende Wertschätzung für Pasties sei ein weiteres Indiz dafür, dass die Regierung den einfachen Leuten schaden wolle. Das ließen die Tories nicht auf sich sitzen, schlugen sich ebenfalls mit Pasties die Mägen voll und schwadronierten in die Mikrofone der Journalisten, dass es ihnen nur im Gerechtigkeit gehe. Schließlich könne es nicht sein, dass für Pasties eine Ausnahme gelte, während etwa die Fish-n‘-Chips Verkäufer von ihren Kunden 20 Prozent mehr verlangen müssten.

Der Kampf um Glaubwürdigkeit wird in der Politik oft über Symbole ausgetragen. Cameron möchte bei den Leuten die Assoziation hervorrufen, dass er einer von ihnen ist, indem er das Gleiche isst wie sie. So hofft er, würden sie ihm vertrauen und ihn wählen. Solche Volksnähe ist oft nicht authentisch, sondern geplante Strategie und manchmal ist die Planung hinter der spontan-authentischen Fassade sichtbar, etwa wenn sich herausstellt, dass Cameron die Pasties, die er vorgeblich so gerne mag, tatsächlich gar nicht isst. Er hatte es also nicht geschafft, sich glaubwürdig als Pasty-Esser und damit als „Einer aus dem Volk“ dazustellen. Doch obwohl die Diskussion an dieser Stelle bereits ins Lächerliche abzurutschen drohte, hielten die Oppositionspolitiker am Pasty-Symbol fest. Dadurch ist eine lächerliche Diskussion entstanden, in der die zwei großen Volksparteien Politik machen, indem sie um die Wette Pasties essen gehen. Nach zwei Wochen erschienen dann erste reflektierende Artikel und die Leute redeten nicht mehr über den Pasty-Konsum ihres Premierministers, sondern fragten sich, was eigentlich aus ihrer politischen Kultur geworden ist.