Der Regen trommelt auf das Dach der Bibliothek. Drinnen sitzen wir, haben die Lampen am Platz angegknipst, es ist elf Uhr morgens und immer noch dunkel. Wahrscheinlich wird es heute auch gar nicht hell werden. „Heute ist so ein Tag, da werfen die Menschen nicht einmal Schatten.“,  sagt ein Freund leise zu mir. Der November drückt aufs Gemüt. Sein Nebel hüllt uns ein, sickert in unsere Seelen. Oh je. Ihr seht, im 24. SSF wird Doktor Vstus poetisch und verabreicht euch zwei Gedichte: von Nietzsche und von Goethe.

Nietzsche fängt die Novembertraurigkeit und Verbitterung in seinem Gedicht „Vereinsamt“ so dermaßen gut ein, dass wir uns richtig darin suhlen können. Jemand hat, getrieben von Neugier, seine „Heimat“ verlassen und sieht sich jetzt, zu Beginn des Winters, verloren in der „Welt“ stehen, die sich als „Wüste“, schlimmer noch, als „tausend Wüsten“, entpuppt hat. So verloren kann einer sein, der die alten Antworten und Rituale verworfen und noch keine neuen gefunden hat.

Derartig zerrüttet wollte ich euch aber nicht zurücklassen und schiebe deswegen noch ein Gedicht von Goethe hinterher, das sehr viel lebensbejahender ist. Goethe hat es anscheinend beabsichtigt, dass es nach Lebensweisheit klingt, denn er wollte sein Gedicht als „psychische Kur“ verstanden wissen. Angesichts dieses Schietwetters kann eine Prise Poesiealbum aber nur gut tun.

Lest selbst!

 

Friedrich Nietzsche

Vereinsamt

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein,
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
– bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat! 

 

Johann Wolfgang Goethe 

Feiger Gedanken

Feiger Gedanken

Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend,

Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,

Rufet die Arme
Der Götter herbei!

 

P.S.: Hans Scholl (Die Weiße Rose) hat „Allen Gewalten/ Zum Trutz sich erhalten“ an die Wand seiner Zelle geschrieben, bevor er am 22.2.1943 hingerichtet wurde.