Es ist Ostern und damit die Zeit der Friedensdemos und Ostermärsche – mir graut davor. Nein, es geht mir nicht um den nostalgischen früher-war-mehr-Lametta-Eindruck – es sind nicht schrumpfende Teilnehmendenzahlen die mir Angst machen. Im Gegenteil: Es ist eine noch größere Anzahl von Demonstrierenden die mir Sorgen machen würden – wenn bestimmte Gruppen die Demos dominieren. Dass ich das einmal schreiben werde, hätte ich vor wenigen Jahren nicht gedacht…

Was ist passiert?

Wie viele Menschen unserer Generation haben mich die Friedensdemos gegen die Irak-Intervention 2003 stark politisiert. Selbst in meinem kleinen Heimatstädtchen bastelten Leute Transparente und Plakate. Diejenigen, die schon lange und regelmäßig gegen Krieg oder den relativ nahe gelegenen Truppenübungsplatz demonstriert hatten, waren auf einmal in der Luxussituation sagen zu können: „Ja ja, wir haben das ja schon gemacht, bevor es cool war“. Aber sie hätten sich keine Sorgen machen müssen. Nachdem eine halbe Million Menschen in Berlin bei der bis dahin größten Friedensdemo zusammenkamen, wurde es in den darauf folgenden Jahren ruhig unter der Friedenstaube. Die alten Friedenswächter waren wieder unter sich.

Bis zum sogenannten „Friedenswinter“ 2014, als es zu einem Schulterschluss zwischen der traditionelle Friedensbewegung und den neuartigen Mahnwachen kam. Die neuen Pazifisten sahen nun anders aus. Sie erzählten selten etwas von der Gefahr von Atomwaffen im Allgemeinen, den Menschenrechten oder von der postulierten Unwirksamkeit humanitärer Interventionen – sondern lieber von einer, wenn nicht gleich mehreren (Welt-)Konspirationen.

Paranoiker, (Neue) Rechte und Anhänger von Verschwörungstheorien trafen sich schon im vorhergegangenen Sommer jeden Montag, um wirre Geschichten zu erzählen. Damals war das Wort „Lügenpresse“ erstmalig zu hören, auf Demos wurde nicht selten „Frieden mit Russland“, statt „Frieden auf der Welt“ gefordert. Auf die größte Friedensdemo 2014 gingen gerade einmal 4000 Menschen – nur ein geringer Teil von ihnen gehörte zu denen, die an die weltumspannende Verschwörung glauben.

Dennoch wurde mit den Demos dieser neuen Friedensaktivisten und den erstmals auftretenden Pegida-Märschen der Grundstein für das gelegt, was wir heute beobachten können: Eine zunehmend polarisierte Gesellschaft, in der am rechten Rand über 24 Prozent AfD wählen und es beinah täglich Angriffe auf Geflüchteten-Unterkünfte gibt.

Der Blick zurück

Der früher eher latente und heute offensichtliche Antiamerikanismus ist wenig überraschend – hat er doch starke Traditionen in der westlichen, v.a. deutschen Friedensbewegung. In Ostdeutschland gab es einen staatlich verordneten, einseitigen „Pazifismus“, im Westen die Anti-Vietnam-Demonstrationen und das Aufbegehren gegen (atomare) Wiederbewaffnung.

Neben dem Antiamerikanismus kann man eine gewisse Portion Selbstkritik, bis hin zu „westlichem Selbsthass“ zur Motivation der Friedensbewegung zählen. Neben der Wiederbewaffnung gab es schließlich die Wehrpflicht und auch zunehmend deutsche, militärische Beteiligungen an Einsätzen der UN, NATO und USA. Zweifel am Mantra Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten oder mindestens zu „verteidigen“ sind verständlich angesichts der Vorgänge in Guantánamo und Abu Ghraib, sowie des Drohnenkrieges und der Interventionen ohne UN-Mandat. Davon mal abgesehen, dass in den seltensten Fällen Friede, Freude, Eierkuchen und eine Portion Demokratie (in welcher Form auch immer) mit dem Schwert etabliert wurden.

Auch wenn der Antiamerikanismus und die Selbstkritik verständlich ist, es bleibt eine unerklärliche Blindheit gegenüber so ziemlich allen anderen Mächten. Wo blieb die Kritik an Russlands Verhalten in Tschetschenien, in der Ukraine und heute in Syrien? Wer versuchte auf den Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand aufmerksam zu machen? Und warum verebbte das Interesse am arabischen Frühling und dessen Niederschlagung so schnell? Es scheint so, als würde ein Großteil der Friedensbewegung einige Konflikte nur zu gern ausblenden.

Charakteristisches Problem: Komplexität und Machtlosigkeit führen zu Frust

Besser gegen einen Kriegstreiber, als gegen keinen demonstrieren, könnte man denken, aber machen wir es uns vielleicht in unserer Auswahl „Top Kriegstreibers“ zu einfach? Andererseits: Schon mal gegen die Gewalt von Daesh/“IS“, Kim Jong-Un oder Boko Haram demonstriert? Ich auch nicht.

Anführende von Terrormilizen interessieren sich noch weniger für Friedensdemonstrationen als Militärstrategen. Neben der verankerten Selbstkritik der Friedensbewegten, ist es also die bloße Hoffnung Kriege zu verhindern – und das ist daheim schon schwierig. Diktatoren oder Terroristen davon abzuhalten scheint dagegen schlichtweg aussichtslos. Neben dieser Machtlosigkeit ist es aber auch die zunehmende Komplexität unserer Geopolitik, die es der Friedensbewegung schwer macht.

Denn: Wer kritisiert bitte welche Kriegspartei wenn sich der Iran und Saudi-Arabien Stellvertreterkriege im Jemen liefern? Wer „weiß“ was richtig ist, wenn es um den Grenzkonflikt zwischen Pakistan und Indien und nicht gerade um eine Invasion in Afghanistan geht?

Und es wird noch komplizierter:

Es gibt immer mehr innerstaatliche Konflikte. Dazu kommen Ressourcen- und sogenannte Modernisierungskonflikte. Ob nun an den innerstaatlichen, kriegerischen Konflikten Rebellen, Freiheitskämpfer oder Terroristen beteiligt  sind – die Konflikte sind in der Regel schwer zu beurteilen. Zu komplex ist in der Regel die Geschichte, die Verstrickung der einzelnen Gruppen untereinander und mit anderen Akteuren. Natürlich sind auch zwischenstaatliche Konflikte nicht einfach zu bewerten. Doch das hielt Friedensbewegte im 20. Jahrhundert selten ab – dafür sorgte allein die eigene, gesellschaftliche Identität.

Wie ist es eigentlich mit der waffenlosen Gewalt wie Handelskriegen, Klimawandel, Verdrängung, Diskriminierung? Fußen diese Gefahreneinschätzungen auf Bauchgefühlen? Ist es nicht viel sicherer geworden auf der Welt? Der Kalte Krieg ist seit einem Vierteljahrhundert vorbei, es gibt ein Atomabkommen mit dem Iran und sogar ein Klimaabkommen.

Nein. Es ist drei Minuten vor zwölf auf der „Doomsday Clock“, der „Weltuntergangsuhr“. Das verkündete am 27. Januar diesen Jahres ein Gremium von 46 WissenschaftlerInnen (davon sind 17 Nobelpreisträger) – zuletzt stand die Uhr 1984 so knapp vor dem Untergang.

Diese Atomkriegsuhr der Zeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists soll der Öffentlichkeit verdeutlichen, wie groß das aktuelle Risiko einer weltumspannenden Katastrophe ist. Größte Gefahr: ein Atomkrieg – aber auch Klimawandel und andere Gefahren werden in die Einschätzung einbezogen. Die Entscheidung um den Stand der Uhrenzeiger wird von dem Aufsichtsrat der Bulletin gemeinsam getroffen.

Eindeutige Kriterien für das Vor- und Zurückstellen gibt es nicht. Das ließe sich kritisieren – andererseits lassen sich viele Gefahren auch nur schwer in einen Kriterienkatalog pressen.

Das es momentan knappe 3 Minuten vor 12 ist hat mehrere Gründe: zum einen die anhaltende Spannung zwischen den Vereinigten Staaten und Russland, die ihre Atomwaffenarsenale nun nicht mehr abrüsten, sondern modernisieren. Auch Bestrebungen in Indien, Pakistan und Israel das Atomwaffenarsenal zu vergrößern, spielen bei der „Zeiteinschätzung“ eine Rolle.

Wir brauchen also nach wie vor eine Friedensbewegung – doch die muss mindestens genauso multipolar aufgestellt sein, wie die Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig braucht es eine längst überfällige Modernisierung der Begriffe „Krieg“, „Konflikt“ und „Frieden“. Dabei geht es nicht nur um innerstaatliche Konflikte. Provokativ gefragt: Gibt es die gleichen Parallelen zwischen Kriegsflüchtlingen, Klimaflüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlinge wie zwischen militärischem Krieg, Handelskriegen und Umweltkonflikten? Wie müssen wir Ressourcen und Chancen global verteilen um in einer wahrlich friedlichen Welt zu leben?

Wem der Einsatz gegen Terrorgruppen und Verteilungskonflikte aber zu abstrakt ist: Bitte noch keine Anti-Hillary oder Anti-Trump-Plakate malen, die AfD und Pegida-Bewegung wären beste Adressaten für lokale Friedensaktivisten.

„(…) denn natürlich sind sie selber völlig unschuldig: der Kaiser, die Generäle, die Großindustriellen, die Politiker, die Zeitungen – niemand hat sich das geringste vorzuwerfen, niemand hat irgendeine Schuld! Man könnte meinen, es stehe alles herrlichen in der Welt, nur liegen ein Dutzend Millionen totgeschlagener Menschen in der Erde.“

(Hesse, Der Steppenwolf, 1927)