Die New York Review of Books rezensieren zu wollen, ist, als wolle man Gott erschaffen. Es gibt Einbahnstraßen: Gott schafft, er wird nicht geschaffen. Die New York Review rezensiert, sie wird nicht rezensiert. Setzt man sich aber darüber hinweg, muss die Rezension zumindest kurz, kursorisch ausfallen. Denn besser, als eine Rezension über die Review zu lesen, ist es, die Review selbst zu lesen.

 

Die New York Review of Books erscheint seit 1963 in New York. Sie wurde von einer Handvoll New Yorker gegründet und Robert Silvers, einer der Mitgründer, gibt sie noch heute heraus. Innen besteht sie zur Hälfte aus ganzseitigen Annoncen für Ausstellungen, Bücher, Online-Kurse und DVD-Sammlungen. Die andere Hälfte ist vierspaltig in kleiner, locker gesetzter Schrift bedruckt – aufgelockert von Fotos und Illustrationen. Eine höchst strenge, unaufgeregte Aufmachung.

Anders das Cover. Es sieht nach einer Mischung aus Schülerzeitung und Straßenmagazin aus und gibt sich so reißerisch wie rätselhaft: „Orville Schell: Scorned in China!“ oder „FEARLESS MALEVICH“ steht dort in großen Lettern. Schrill und schräg gesetzt wie eine Drohbriefcollage. Das Layout ist so aus der Zeit gefallen, dass es in Regalreihen voll durchgestylter Magazine sofort ins Auge springen müsste – wäre da nicht der traurige Umstand, dass hierzulande kaum ein Zeitschriftenladen die New York Review of Books verkauft.


Hat man aber den Weg zu ihr gefunden, kommt man so schnell nicht mehr los. So leicht es ist, sich über das Cover zu mokieren, so schwierig ist es, den Gehalt der Review auch nur ansatzweise zu umreißen. Das Prinzip erinnert an DoktorPeng!: Brillante Köpfe schreiben über alles, was sie umtreibt. Die Themen der letzten Ausgabe reichen von einem Pamphlet gegen die Ivy-League-Ausbildung über Biographien von Tennessee Williams und Beethoven, Romanrezensionen zu Haruki Murakami, der Würdigung eines frivolen englischen Barockdichters, Wissenschaftsphilosophie, Zensur, den Ukrainekonflikt bis zu Essays von Isaiah Berlin und Zadie Smith. Ein willkürlicher, unbefriedigender Abriss – es gibt kaum Themen, die in der Review nicht vorkommen könnten. Oft werden Zeitgeiststränge durch eine Sammelbesprechung von vier, fünf Werken nachgezeichnet. Die vorletzte Ausgabe setzte neue Maßstäbe mit einer Besprechung von

„‚Heaven Is for Real’ (…) and sixteen other books on near-death experiences and the afterlife“.

Die schiere Anzahl der besprochenen Werke trägt das Urteil über die gedankliche Tiefe jedes Einzelnen schon in sich. In der jüngsten Ausgabe beweist der Rezensent indes, dass es ihm mit dem Thema durchaus ernst ist, und schiebt Besprechungen zu „Erasing Death… and six other books on near-death experiences and the afterlife“ hinterher, weil nach dem Rundumverriss der esoterischen Abhandlungen eine Würdigung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Nahtoderfahrungen noch ausstand. Es sind Besessene am Werk. Und hochinformierte Köpfe. Nehmen wir einen Artikel des Philosophen John R. Searle in der vorvorletzten Ausgabe: Er rezensiert zwei Werke über künstliche Intelligenz. Herkömmliche Rezensionen funktionieren so: Kontextualisierung, kritische Würdigung des Inhalts, enthusiastische Kaufempfehlung, sofern das Buch zum Beispiel auch nur irgendeinen Gedanken pointiert formuliert. Diese Rezension hier macht es ja auch nicht anders. Searle hingegen skizziert zunächst seinen eigenen theoretischen Standpunkt, um den herum er dann die Thesen der besprochenen Werke anordnet, um ihre Stoßrichtung und ihre Schwächen aufzuzeigen. So wird die Kritik erstens unmittelbar nachvollziehbar und zweitens ihrerseits sinnvoller Kritik zugänglich. Diese Offenlegung der eigenen Maßstäbe kennt man sonst allenfalls vom Bundesverfassungsgericht. Sie ermöglicht fruchtbare Debatten.

Und die entstehen zur Genüge: Oft melden sich die Autoren der besprochenen Werke per Leserbrief zu Wort und erklären wortreich ihren Frust. Das aber ist immer ein gewagtes Unterfangen, denn das letzte Wort hat der Rezensent. Seine Erwiderung auf den Leserbrief wird direkt darunter abgedruckt. So ist in der Ausgabe vom 9. Oktober ein halbseitiger Brief eines in Princeton lehrenden Autors abgedruckt, in dem dieser versucht, Hauptkritikpunkte der Rezension zu entschärfen. Darauf der Rezensent süffisant:

„Jonathan Israel is now trying, with somewhat comic indignation, to deny that he actually made several of the highly questionable claims that I criticized in my review. But the written record is perfectly clear.“

Es folgen Absätze voller Zitate aus dem besprochenen Werk. Das ist in seiner Mischung aus Nonchalance und Schadenfreude sicher keine ideale Sprechsituation im habermas’schen Sinne. Aber es kommt einem Wettstreit um das bessere Argument sehr nah – mit dem charmanten Fehler der ungleich verteilten Waffen.

Die Komplexität der Gedankenführung und der Sprache unterscheidet sich von Autor zu Autor. Die besten Rezensenten schreiben erregt, knapp und flamboyant:

„(…) feminists have tended to celebrate Crashaw as a male writer with a female sensibility. That may be over-hopeful, however. Being turned on by imagining female orgasm is not the same as sympathizing with women.“

Der auf diesen feinen Unterschied hinweist, ist John Carey, emeritierter Professor für englische Literatur in Oxford. Ein typischer Rezensent. Die überwiegende Mehrheit sind Professoren oder Intellektuelle. Der nahe Osten, Afrika, Asien und Südamerika kommen immer wieder als Gegenstand scharfsinniger Essays vor – Autoren aus diesen Regionen tauchen seltener auf. Das kann man dem Herausgeber nur begrenzt zum Vorwurf machen. Schließlich war die Review von Anfang an das Projekt einer New Yorker Intellektuellenelite und ist bis heute tief in den entsprechenden Ecken Manhattans verwurzelt. Angesichts der Autorität und der Reichweite, die die Review über die Jahre erlangt hat, und die sie in vielen Fragen zu einer weltweit gelesenen hervorragenden Inspirationsquelle machen, ist der Fokus auf den angloamerikanischen Raum aber doch bedauerlich.

Vielleicht ändert sich das, sollte der Mitgründer Robert Silvers eines fernen Tages als Herausgeber abtreten. In The 50 Year Argument, der Doku-Hommage, die Martin Scorsese gerade über die Review gedreht hat, gewinnt man allerdings den Eindruck, dass das ebenso gut das Ende der Zeitschrift bedeuten könnte. Denn der Film zeigt einen Herausgeber, der noch immer persönlichen Kontakt zu den Autoren pflegt, unermüdlich Anregungen gibt, Bücher verschickt, Beitragsreihen plant und jede neue Ausgabe zu seinem ureigenen Anliegen macht. So wie Silvers sich inmitten seiner Vertrauten bewegt, scheint er unersetzbar. Ein Freund indes versicherte mir kürzlich, diese filmische Inszenierung sei eher dem US-amerikanischen Hang zum Heldenkult geschuldet als ein Versuch, die wahre Verantwortungsverteilung innerhalb der Redaktion nachzuzeichnen. In Wirklichkeit habe der Herausgebers seine Nachfolge mit Sicherheit geregelt. Ich will es hoffen.