Das Filmjahr 2015 kann sich sehen lassen. Trotz harter Konkurrenz konnten sich diese Zehn am Ende durchsetzen:

 

Birdman

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Obwohl Birdman bereits im Januar erschien, und auch schon bei den Oscars gewaltig abräumte (aus neun Nominierungen wurden am Ende vier goldene Statuetten), gehört er dennoch ins Filmjahr 2015, und damit auch zweifelsohne auf diese Bestenliste.

Einen Oscar erhielt Birdman für seine Cinematographie, und gerade die wundervoll ästhetische Kameraarbeit Emmanuel Lubezkis ist es, die den Zuschauer mahlstromartig immer tiefer in das Innenleben von Birdmans Welt und Charakteren zieht. Zwei weitere gab’s für das Drehbuch und für Regisseur Alejandro G. Iñárritu, der sein prominentes Schauspiel-Ensemble zu sowohl dramatischer als auch komödiantischer Höchstleistung antrieb. Die logische Konsequenz: Oscar Nummer Vier – Bester Film.

 

Whiplash

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Whiplash, mein liebstes Kriegsdrama, mein liebster Sexfilm. Der aufstrebende Schlagzeuger Andrew gerät unter die Fittiche des Studio-Band-Leiters Fletcher. Dieser knechtet seine Kapelle mit unlauteren Mitteln: er schreit, beleidigt; Speichel und Stühle fliegen durch den Proberaum. Andrew – zunächst von diesen Methoden abgeschreckt – lässt sich schließlich auf sie ein, lässt sich anbrüllen und runterbuttern.

Whiplash stellt nicht nur die Frage, ob harte Methoden zu künstlerischem Erfolg führen können. Denn das können sie. Whiplash stellt die Frage, wann künstlerischer Erfolg es wert ist, sich für ihn selbst aufzugeben. Kein Film war 2015 so klar strukturiert, so spannend erzählt, so selbstsicher umgesetzt.

 

Ex Machina

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Das Regie-Debüt von Alex Garland, bekannt unter anderem für sein Buch The Beach, entpuppte sich als einer der intelligentesten Sci-Fi-Streifen der letzten Jahre. Domhnall Gleeson, Alicia Vikander, Sonoya Mizuno und Oscar Isaac laufen in diesem Kammerspiel um die künstliche Intelligenz zu absoluter Höchstform auf. Vor allem Alicia Vikander als humanoide Androidin Ava ist ein schauspielerisches Highlight des Jahres.

Doch nicht nur die Schauspieler machen diesen Film zu einem Kandidaten für den Klassikerstatus. Hier gibt es liebevoll designte Sets (unter anderem wurden 15000 Glühbirnen verbaut, nur um einen abgedroschenen Sci-Fi-Leuchtstoffröhren-Look zu verhindern), intelligente Dialoge und nicht zuletzt eine verdammt clevere Story, die mit ihrem Fokus auf die Möglichkeiten und Gefahren der künstlichen Intelligenz in der nahen Zukunft noch dazu genau den Zahn der Zeit trifft. Für Science Fiction Fans und Verfolger der KI-Debatte sowieso ein Muss, ist Ex Machina auch für “nur” Filminteressierte durchaus zu empfehlen.

 

Mad Max: Fury Road

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Auf knapp 400 Kritiker-Jahresendlisten findet sich Mad Max wieder, über 100 mal davon auf Platz 1 – Spitzenwert im Jahr 2015. Verdient ist es allemal: George Millers Bizarro-Bombast aus Blut und Benzin ist auch für uns das Musterbeispiel des perfekt durchorchestrierten Blockbusters, dessen unglaublich hoher Schauwert durch die visuelle Kreativität seiner post-apokalyptischen Wüstenwelt nochmal vergoldet wird.

A propos Orchester: Auch die Erzählweise ist definitiv mehr Wagner als Pop. Zwei Stunden lang dirigiert Miller den Zuschauer schonungslos durch seine Endzeit-Sinfonie, verzichtet dabei auf Exposition und Handlungssprünge, auf Verschnaufpausen oder eine künstlich aufgeblasene Story. Der Film paart qualvolle Intensität mit einem genialen Erscheinungsbild, an dem man sich auch nach dem zweiten und dritten Mal noch nicht satt gesehen hat. An Mad Max ist dieses Jahr zu Recht kein Vorbeikommen.

 

Victoria

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One Girl, One City, One Night, One Take: Schon der Slogan offenbart die Einzigartigkeit von Sebastian Schipperts Crime-Drama rund um die junge Spanierin Victoria, die mit den vier Berliner Bengeln Sonne, Boxer, Blinker und Fuß die Nacht ihres Lebens durchmacht. Und doch wird er dem Film nicht mal annähernd gerecht. Denn obwohl Victoria tatsächlich komplett ohne Schnitt gefilmt wurde, ist er doch so viel mehr als nur ein logistisches Meisterwerk.

Selten gab uns ein Film derartige Authentizität, ließ den Zuschauer so innig in den Schuhen seiner Charaktere jede Sekunde, jeden Schritt, jeden intimen Blickaustausch und jede falsche Entscheidung hautnah miterleben. Rasend schnell hat man sie alle ins Herz geschlossen, und ist dann dazu verdammt, ihnen hilflos bei ihrem Ritt ins Verderben zuzusehen. Victoria ist atemberaubend, gefährlich, wunderschön, und wahrhaftig einmalig.

 

The Tribe

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2015 war ein Jahr der Gimmick-Filme: Victoria und Birdman waren (fast) ohne Schnitt gedreht, A Girl Walks Home Alone At Night in schwarz-weiß, Love zeigte uns echten Sex in 3D. Auch The Tribe hatte ein Ass im Ärmel, das auf Programmvorschauen abschreckte und dennoch das Interesse weckte: „In Gebärdensprache. Ohne Untertitel“.

The Tribe ist die Geschichte des Namengebenden Stammes Jugendlicher an einem Internat für Gehörlose. Die verschworene Gemeinschaft nimmt einen Neuankömmling in ihrer Mitte auf – nicht ohne ihn vorher zu peinigen und misshandeln. Langsam steigt er in den Rängen der mafiös organisierten Clique auf, gelangt zu Macht und Ansehen.

Seine Machart rechtfertigt The Tribes überlange Szenen. Wir als Zuschauer werden zu Dummen gemacht, die die Sprache der Gehörlosen erst dechiffrieren müssen. Wie kleine Kinder sitzen wir vor den Erwachsenen, deren Handlungen wir nicht ganz verstehen. Erst langsam geht uns der Schrecken auf, dem sie sich aussetzen. Einen Film wie The Tribe hat man so noch nie gesehen.

 

Macbeth

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2015 durfte auch William Shakespeare mal wieder auf die große Leinwand. Justin Kurzel knöpfte sich The Tragedy of Macbeth vor und man versprach sich von Michael Fassbender und Marion Cotillard als Macbeth und Lady Macbeth einiges. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, und durfte in Cannes um die goldene Palme mitkämpfen, die dann aber an Dheepan ging.

Relativ nah an der Originalfassung konzentrierte man sich auf einen Aspekt, den man so in keinem Theater der Welt reproduzieren kann, und beantwortet so auch gleich die Frage, warum man den alten Schinken nochmal verfilmen sollte: Macbeth geht über das Visuelle. Die Cinematographie ist teilweise atemberaubend. Kein Wunder, steht doch Adam Arkapaw hinter der Kamera, der mit seinen Bildern in der ersten Staffel von True Detective schon viele Blicke auf sich zog. Und auch die Schauspieler, allen voran Michael Fassbender, wissen zu überzeugen und geben so dem bildbombastischen Drama den letzten Schliff. Wenn man alte Stücke wieder aufwärmen möchte, dann so.

 

Me and Earl and the Dying Girl

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Was daherkommt wie die schrullige Zwillingsschwester von Das Schicksal ist ein mieser Verräter, ist in Wirklichkeit eine der größten Kinoüberraschungen des Jahres. Das Teenager-Krebs-Drama von Regisseur Alfonso Gomez-Rejon, das auf dem diesjährigen Sundance Festival sowohl den Jury- als auch den Zuschauerpreis abräumte, überzeugt mit authentischen Dialogen, verrücktem Humor, und einer Menge Herz.

Vor allem aber punktet er mit seinem unglaublichen Selbstvertrauen. Wie wenig andere Filme versteht Me and Earl sein Genre-Gerüst, dessen Konventionen und Limits. Das führt dazu, dass der Film einerseits Erwartungen erfüllt, die Highschool-Setting und Krankheitsthematik mit sich bringen, andererseits durchweg Überraschungen parat hat und von Anfang bis Ende sein eigenes Ding durchzieht. Das Ergebnis ist ein cleverer und verdammt erfrischender Eintrag in den staubigen Kanon unzähliger Teenie-Dramödien, und einer der besten Filme des Jahres.

 

Youth

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Wer ob Youths Erscheinungsbild biederes, europäisches Rentnerkino erwartet, verpasst einen der einfühlsamsten – und ästhetisch ansprechendsten – Filme des Jahres. In einem fast mystisch anmutenden Alpen-Sanatorium lässt Paolo Sorrentino eine Vielzahl Charaktere aufeinander los: Ein alternder Dirigent und seine entfremdete Tochter. Ein vergreister Drehbuchschreiber und sein Gefolge junger Hollywood-Hipster. Ein in die Jahre gekommener Fußballstar, ein frustrierter Jungschauspieler. Und Miss Universe.

Auf verschiedenste Art und Weise irren diese Biographien umher, kreuzen und beschleichen sich, und werden vom liebevoll konstruierten Setting wieder eingefangen. Dabei entblößt jedes Aufeinandertreffen, jede Interaktion eine neue gedankliche Facette über Alter und Jugend, Entfremdung und Wirklichkeit, über verlorene Tage und neue Anfänge. Ach, könnte man doch noch einmal alt sein!

 

Tangerine

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Mit Smartphones kann man tolle Sachen machen. Das reicht vom eitlen Füttern des eigenen Instagram-Accounts bis hin zum Drehen vom Filmen. Zum Glück entschieden sich die Macher von Tangerine für letzteres. In dieser überdrehten Dramödie begibt sich die Transprostituierte Sin-Dee Rella auf die Suche nach ihrem homme adultère, dem treulos gewordenen Zuhälter-Boyfriend Chester. Freund und Feind erfahren gleichermaßen den Zorn der zutiefst verletzten Frau, die man trotz der zuweil vielleicht überfordernden Oberfläche nie mit Liebesentzug strafen möchte.

Die Konflikte der Akteure sind jederzeit nachvollziehbar, versteht man doch die tiefe innere Trauer und Verletzlichkeit, die ihnen allen gemein ist. Die Moralkeule klopft an, aber niemand öffnet. Es gibt Kritiker, die Tangerine Gewalt gegenüber Frauen propagieren sehen, die unterstellen, dass man hier auf Kosten eines Milieus billige Lacher provozieren möchte. Der Film aber bildet lediglich eine Welt ab, die es so gibt, und schafft damit den Indie-Überraschungserfolg 2015.

 

Autoren: Doktor Eck: Macbeth, Ex Machina / Doktor Loco: Tangerine / Doktor Schwarz: Whiplash, The Tribe / Doktor Snips: Birdman, Mad Max: Fury Road, Victoria, Me and Earl and the Dying Girl, Youth