Die Schlange der Abendkasse in der Lehrter Siebzehn windet sich mehrere Stockwerke hinunter bis in den Hof. Die Anstehenden sind gespannt. Keiner weiß, was ihn heute Abend erwartet. Bin ich hier etwa an der neuen härtesten Tür Deutschlands gelandet? Als ich mich nach oben durchgequetscht habe, bin ich erleichtert: kein Sven Marquardt, keine Selektion. Zum Urban Journalism Salon dürfen alle die möchten und 3 € zahlen.

Unverputzter Betonboden, Neonröhrenarrangement hinter der Bar, Plakate mit „Wenn die Idee stärker ist als der Verstand“. Der Raum hat den Rohbauchic, den es braucht. Hier soll heute Abend ein „erlebbares Magazin“ stattfinden, in dem junge Journalisten ihre Arbeiten vor Publikum aufführen. Vielleicht werden hier neue Formen des Journalismus erprobt? So, wie die Stimmung an der Bar ist, könnte hier und heute wirklich was gehen.

Irgendwann zieht es mich zur Bühne, denn es wird voll hier, richtig voll, das hatte ich nicht erwartet. Die Veranstalter wohl auch nicht, denn die Sitzklötze für die Zuschauer reichen bei weitem nicht aus. Ausgedacht haben sich die Veranstaltung übrigens die (freien) Journalisten Mark Heywinkel, Rabea Edel und Jens Twiehaus: Jahrgang ’87, ’82 und ’87, da kommt Hoffnung auf.  Ich setze mich auf den Boden, ganz nach vorn, das sprengt hier nicht den Rahmen, es ist schließlich die Kategorie Abendveranstaltung, auf der man auch mit Birkenstocks aufkreuzen kann. Aber es ist nicht der Abend, über den Zeitgeist zu schmunzeln, denn die Moderatorin, die jetzt die Bühne betritt, ist mir vom ersten Augenblick an sympathisch und so natürlich, dass sich der Raum auch ohne Scheinwerfer aufgewärmt hätte: Eva Schulz, 24, die sich sichtlich auf ihre Gäste freut und das Publikum ansteckt. Das medium-Magazin zählte sie 2009 zu den Top 30 Journalisten unter 30. Eva ist Profi, das sehe auch ich als Laie.

Und Tatsache, es gibt interessante Gäste. Thilo Kasper z.B., vom Projekt Putsch, der politische Kultur visualisieren und uns unpolitischen Internetkindern (Spaß!) näherbringen will. Um es mit Thilos eigenen Worten zu sagen: „Herausfinden, wie Politik mit visuellen Mitteln für ein junges Publikum im digitalen Raum erzählt, kommentiert, kritisiert oder eingeordnet werden kann.“ Wie die meisten an diesem Abend redet Thilo nicht lang, sondern legt los: „Wer von euch liest jeden Tag ein Printmedium?“ Erstaunlicherweise gehen noch die Hälfte aller Arme nach oben; für mich nur eine unter vielen Überraschungen an diesem Abend. Live wird dann eine Infografik mit Menschen aus dem Publikum gebaut, die darstellen soll, wie politische Karikatur in klassischen Medien funktioniert: nämlich linear. Was der Karikaturist zeichnet, druckt die Zeitung und schüttet es dann wie Kamelle (an dieser Stelle Danke an Jens Twihaus für die Extraportion Bonbons) über den Lesern aus. Aber nicht umsonst steht dieses Standbild in einem Schlauchboot. Thilo will sagen: den klassischen Printmedien geht die Luft aus, die Karikatur wird neu erfunden. Thilo glaubt, dass sie in ihrer klassichen Form ausgedient hat und sieht in Internet-Memes die rechtmäßigen Erben, einen flexiblere Form der Karikatur, im ständigen Austausch mit dem Publikum. Thilo nennt das „flüssige Karikatur“ und belegt seine These mit dem Beispiel von „Peer notiert“ (Is’ älter, aber könnt ihr euch trotzdem angucken), einem Projekt von Putsch aus dem letzten Wahlkampf. Er macht das sehr witzig, nicht selbstverliebt, das Publikum ist angetan von so viel Interaktion. Am Ende glaube ich zwar immer noch, das Karikatur eine andere Funktion als ein Meme erfüllt, aber das ändert kein Jota daran, dass Putsch mir einen Gedankenanstoß gegeben hat und ich Memes von nun an politischer sehen werde.

Die zweiten, die mich anfixen, ihr Projekt anzuschauen, sind Steffi Fetz und Lisa Altmeier, beide Absolventinnen der Deutschen Journalistenschule in München, beide 26. Ihr Projekt heißt Crowdspondent, sie sind „deine persönlichen Reporter“. Das heißt: du als Mitglied der Crowd schlägst vor, wohin die beiden Journalistinnen reisen und was sie dort recherchieren sollen – und dann machen sie das. Letztes Jahr fand das für drei Monate in Brasislien statt, dieses Jahr reisen sie durch Deutschland. Auf Helgoland haben Steffi und Lisa Mikroplastik aus Fischmägen geholt (#Kosmertika#Peelings#Umweltverschmutzung), in Bautzen nachgeforscht, wer eigentlich die Sorben sind und im Rheinland einen jungen Mann getroffen, der in den 90ern als Flüchtling aus dem Kosovo kam. Die spannenden und mit viel Herzblut gemachten Beiträge kann man sich entweder einzeln auf ihrem Blog angucken, oder zusammengefasst seit dem 27.7. sonntags um 17.15 Uhr auf EinsPlus.

Mit dabei war außerdem Teresa Brücker von der Edition F, einem Onlinemagazin, das Wirtschaft aus weiblicher Perspektive betrachtet, Haltung hat und brilliant aussieht. Ich möchte es auch Wirtschaftsmuffeln ans Herz legen, wenn sie mehr über spannende Frauen in Unternehmen erfahren wollen, als die hoffentlich irgendwann nicht mehr erwähnenswerte Tatsache, dass sie Frauen sind.

Ihr merkt, da ging was. Keine Endlosdiskussionen über die Krise des Journalismus, nicht die x-ste Plattform für Bedenkenträger, sondern lauter Macher, die sich und andere begeistern konnten. Manchmal dauerte es ein bisschen, bis ich verstanden hatte, was die Leute genau tun, weil man die Formate glücklicherweise eben noch nicht kennt und sich eindenken muss. Verspielt? Genau dafür bin ich hingegangen. Erstaunlich wenig fand ich gewollt an diesem Abend, sogar die Schlange an der Kasse war authentisch. Natürlich stellen die Journalisten sich auch selbst vor, aber eben nicht dar, sondern zeigen sich und ihre Arbeit. Das hat mich gefreut. Salon #1 war absolut gelungen, ich freue mich auf #2.

Wenn ihr selbst gucken wollt, was da gestern Abend los war, dann könnt ihr das am 5. und 8. August auf Alex dem offenen Kanal Berlins tun, der hat’s aufgezeichnet.