Gleich einem Angorahasen habe ich mich am 8.12. in dem Ladengeschäft der Georg-Schwarz-Straße 8 in Leipzig, Alt-Lindenau selbst geschoren. Folgende Requisiten habe ich dabei verwendet: drei Emailleschüsseln, kaltes Wasser, den Rasierschaum Balea Men und vor allen Dingen einen Nassrasierer mit fünf Klingen von Gillette. Das Publikum setzte sich aus Passant*innen sowie Gästen innerhalb des Ladens zusammen.

Die Nassrasur ist eine profane, eine zutiefst menschliche Handlung. Je nach Körperteil ist sie eng mit sozialen, geschlechtlich zugeordneten Körperpraxen verknüpft. Die erste Nassrasur meiner Oberlippe habe ich mit einem Rasierer durchgeführt, der nach meinem Vater roch. Zu diesem Zeitpunkt und lange danach hatte ich kaum Bartwuchs. Als ich etwa sechzehn war, habe ich angefangen, es meinen großen Schwestern gleich zu tun. Mit Einwegrasierern habe ich unter laufendem Wasser hin und wieder meine Achseln enthaart. Die Rasur hinterließ jedes mal picklig trockene, tagelang juckende Stellen, keineswegs die erhoffte, glatte Haut. Meinen organischen Schutz vor dem Außen habe ich regelrecht und regelmäßig aufgerissen. Bis heute empfinde ich eine körperliche Ablehnung gegenüber Nassrasuren. Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals vor Anderen nass rasiert zu haben.

Diese Performance diente also nicht nur dazu, meinem normierten Körper Schmerz zuzufügen, sondern behauptet auch, in seiner Selbstaggressivität etwas Eigentliches des Performers auszustellen. Zu Beginn der etwa einstündigen Aktion habe ich meinen Dreitagebart entfernt. Dies gilt bei Männern als alltäglicher Prozess, mit dem sogar die Zurschaustellung einer bestimmten Männlichkeit assoziiert wird. Starker Bartwuchs ist nicht zuletzt eine moderne Körpernorm des urbanen Hipsters.

KORNELIA_1998Im Anschluss habe ich meine Bein- und Brusthaare rasiert. Auch kleine Haarverdichtungen etwa auf den Füßen, am Bauchnabel, unter den Achseln sowie die Augenbrauen habe ich nicht verschont. Letztendlich habe ich meine Kopfhaare entfernt. Hierzu musste eine Frisierschere und ein elektrischer Rasierer zu Hilfe genommen werden.

Die Aktion selbst sowie ihre Videodokumentation sind in der Ausstellung des eigenen Körpers mit Bezug auf die Biographie des Künstlers im Sinne von Andy Warhol und Joseph Beuys konzipiert. Während und nach der Performance hat das Publikum gespiegelt, dass es von der als radikal wahrgenommenen Scherung in gewisser Weise betroffen oder bewegt wurde.

Auf die Fensterfront des Ladengeschäfts wurde vor der Aktion eine transparente Klebefolie mit einer Fotografie geklebt, die im August 1998 entstanden ist. Sie zeigt mich achtjährig in einem blauen Kleid. Auf dem Kopf trage ich ein blaues Kopftuch, sodass keine Kopfhaare zu sehen sind. An den Schläfen klemmen zwei blonde Kunsthaarlocken unter dem Kopftuch, die mir bis auf die Schultern fallen. Meine Lippen und Augen sind stark geschminkt. Mit Hilfe von Schminke und Kunsthaar habe ich versucht, ein lebendes Abbild dieses weiblichen, kindlichen, vermeintlich schwachen Körpers zu werden; mich in der 18 Jahre alten Aufnahme meiner selbst zu spiegeln. Die Annäherung an meine Kindheit sowie das spielerische Ausloten geschlechtlich zugeschriebener Körpernormen und der exzessive Umgang mit Frisuren deuten auf (vermeintliche) Lebensthemen des sich selbst Scherenden hin.