Neulich sah ich auf Youtube ein Video namens „Nyan Cat“. Darin springt eine in groben Acht-Bit-Pixeln animierte graue Katze mit einem Pop Tart (ein US-amerikanisches Essen, bestehend aus einem toastähnlichen Gebäck mit süßer Füllung) durchs Weltall. Sie hinterlässt eine Art Kondensstreifen in Regenbogenfarben und man versteht den Namen „Nyan Cat“, wenn man die Musik des Videos hört. Eine digital erstellte Piepsstimme zwitschert unablässig und direkt hintereinander das Wort „nyan“ in einer naiv-fröhlichen Melodie, die sich nach weniger als 30 Sekunden wiederholt.

„Nyan“ ist japanisch und bedeutet soviel wie „Miau“ im Deutschen. Den Takt unterstreicht ein Schlagzeug aus der Dose. Ich musster sehr lachen, als ich das sah und hörte. Aber kurz darauf fragte ich mich: Eine Katze mit einem Toast als Körper hüpft durchs All und  dazu plärrt eine übertrieben niedliche Stimme „Nyanyanyan“ – Was ist daran lustig? Wie funktioniert der Humor, der dahinter steckt?

Ich habe mal gehört, dass man sich durch Lachen von Problemen und Dingen, die einem unangenehm sind, emotional distanzieren kann. Aber wovon entferne ich mich, wenn ich über das Nein Cat lache? Es ist kein Kommentar zu irgendetwas, es vertritt keine politische Meinung, es will den Zuschauer nicht über irgendwas informieren oder ihn von etwas überzeugen. Stattdessen ist das Video offensichtlich sinnlos. Aber vielleicht ist es gerade deswegen zum Lachen. Ich glaube, viele Menschen lachen über das Video, weil sie unter einer Autorität des Sinns in ihrem Leben leiden. Wir müssen uns ständig überlegen, wieso wir Dinge tun, müssen unsere Entscheidungen rational fällen. Unser ganzes Handeln muss auf ein Ziel ausgerichtet sein. Aber auch wenn man sich stetig bemüht, das eigene Leben durch Sinn zu legitimieren, fühlt man sich dennoch manchmal nicht sicher im Sattel. Der Anspruch ein sinnvolles Leben zu führen, ist dann vor allem lähmende Belastung und nicht konstruktiver Ansporn.

In einer solchen Situation gucken wir uns gerne das Nein Cat an, schwelgen für kurze Zeit in der Sinnlosigkeit und finden Zuflucht vor dem erbarmungslosen Diktat des Sinns. Das klappt, weil das Nyan Cat kein Ziel erreichen will. Es macht zwar einen Hüpfer nach dem anderen, bleibt dabei aber immer in der Mitte des Bildschirms. Und die Sterne an denen es vorbei springt, sind auch immer die Gleichen. Da gibt es keine Entwicklung, deren nächste Stufe erreicht werden muss, und keine Zeit, die unerbittlich abläuft. Auch die kindliche Klimpermusik ist redundand. Ihr Text besteht nur aus „nyan“. Dieses Wort meint zwar den typischen Laut, den Katzen machen, aber abgesehen davon ergibt auch der Text keinen Sinn, regt nicht zum Nachdenken an. Und die willenlos fröhliche Melodie nimmt den Geist gerade soweit in Anspruch, dass man keinen Gedanken unabhängig von dem Video mehr fassen kann. Das schlechte Gewissen wird zumindest eine Zeit lang unterdrückt und man kann sich der oberflächlichen Fröhlichkeit in zeitloser Wiederholung hingeben.

Auch die Entstehung des Videos passt in diese Theorie: Christopher Torres lebt in Boston und animiert unter seinem Künstlernamen prguitarman kurze Videos. 2011 wurde er gebeten ein Pop Tart und eine Katze zu animieren. Er kombinierte beide Aufgaben, animierte die kleine graue Katze mit Pop Tart-Körper und lud das Video bei Youtube hoch. Das Nyanyanyan-Gesinge stammt aus Japan. Dort erstellte Künstler daniwell-p den Nyanyanyan-Song mit dem Soundprogramm Vocaloid. Vocaloid kann Gesang digital generieren und Nutzer haben digitale Sänger, sogenannte Vocaloids, erstellt. So sang also Vocaloid „Hatsune Miku“ das Nyanyanyan-Lied. Die Version, die das Nyan Cat bei seiner Tour durchs All begleitet, entstand jedoch erst als ein weiterer japanischer Künstler eine Coverversion des Liedes für seinen Utauloid „Momo Momone“ komponierte. Utau ist ein Programm, das ähnlich wie Vocaloid Gesang generieren kann. Auch für dieses Programm gibt es digitale Künstler, unter ihnen Momo Momone.

Nun gab es also das Video und die Musik. Aber um die beiden Elemente zu dem „Nyan Cat“ Video zu kombinieren, das inzwischen fast 100 Millionen angeklickt wurde, bedurfte es der Youtube-Nutzerin saraj00n. Die New Yorkerin legte die Musik über die Pop Tart-Katze-Animation und lud schließlich am 5. Juni 2011 das „Nyan Cat“ Video auf Youtube hoch. Es landete prompt unter den fünf meistgeklickten Youtubevideos desselben Jahres. Heute gibt es hunderte animierte Kurzfilme, Videoparodien und Computerspiele, die markante Elemente des Nyan Cat verwenden. Es gibt Remixe des Nyanyanyan-Liedes und die graue Katze mit toastförmigem Körper und Regenbogenschweif taucht in unzähligen Variationen auf Youtube auf.

In dieser Entstehungsgeschichte steckt viel Willkür, Zufall und Abwesenheit von Sinn: Torres kombiniert einen gefüllten Toast mit einer grauen Katze. Gleichzeitig macht sich jemand tausende Kilometer weit weg die Mühe und covert ein Lied, dessen Text nur aus „Nyan“ beziehungsweise „Miau“ besteht. An einem dritten Ort werden beide Teile schließlich zusammen geführt, ohne dass sich sich die beteiligten Personen jemals persönlich begegnet wären. Die drei Urheber haben sich zu keinem Zeitpunkt gezielt zusammen getan, um ein kohärentes Video zu erstellen. Ihre Zusammenarbeit ist zufällig. Der „Miau“-Text und die Niedlichkeit der Gesangsstimme passen zu Katzen – zugegeben. Aber abgesehen davon, ergeben die einzelnen Elemente des Videos in ihrer Kombination keinen weiterführenden Sinn. Sie erklären sich nicht gegenseitig. Oder kann mir jemand sagen, was etwa Regenbögen, gefüllte Toasts und das Weltall miteinander zu tun haben?

Natürlich kennen die meisten Menschen, die sich das Nyan Cat ansehen, nicht die Entstehung des Videos. Aber aus der sinnlosen Kombination der einzelnen Elemente, können bestimmt viele Zuschauer die Beliebigkeit und Ziellosigkeit der Produktion erahnen. Das Video erscheint noch sinnloser, was seine Wirkung verstärkt. So lindert das Nyan Cat für kurze Zeit unseren Schmerz, wenn wir der Herausforderung, ein sinnvolles Leben zu führen, nicht genügen.