Alle Jahre wieder! Plötzlich ist Dezember und in vielen Köpfen verdrängt eine Frage alle anderen Gedanken:

„Was schenken?“

Nach Antworten suchen nicht wenige, indem sie in den Fußgängerzonen durch den Dauerregen von Geschäft zu Geschäft eilen. Die Kassen des Einzelhandels klingeln vorweihnachtlich. Das Geschäft mit dem Schenken ist ein wichtiger Faktor der kapitalistischen Jahresbilanz. Und eigentlich doch auch ganz schön, die Idee der uneigennützigen Gabe.

Seit einigen Jahren zwicken mich jedoch Aversionen gegen diesen Brauch, und das, obwohl ich selbst liebend gerne anderen Geschenke mache. Mein Problem mit dem Schenken liegt eher im beschenkt werden: Ich würde behaupten, dass ich, wie die meisten Menschen westlicher Zivilisationen, kaum neue Dinge brauche, die sich eignen, verpackt unterm Weihnachtsbaum zu liegen. Das Schenken ist von der materiellen Not entkoppelt. Und doch halten wir an diesem Ritual fest und suchen oft krampfhaft nach Gaben, die irgendeinen Sinn haben sollen oder zumindest ästhetisch ansprechen.

Ästhetik und Nützlichkeit werden jedoch bekanntermaßen nicht von allen Menschen gleich eingeschätzt und wahrgenommen. Das Schenken erfordert Empathie. Und darin liegen sowohl der Zauber als auch der Schreck des Geschenke-Machens. Einfach zu schenken, womit man selbst gern bedacht würde, greift zu kurz. Damit drängt man den Empfangenden, meist unbewusst, die eigenen Werte auf.

Jemandem ein aktuelles Smartphone zu vermachen, der ein abgenutztes Mobiltelefon älteren Jahrgangs nutzt, kann ganz schön nach hinten losgehen. Vielleicht stößt dieser Akt auf freudige Dankbarkeit über den Innovationsimpuls. Vielleicht löst er aber auch Bedrängnis aus. Der Mensch, dem man eigentlich etwas Gutes tun wollte, ist in der Bredouille:

Auf ein dauerhaft präsentes Touchscreen-Handy zu verzichten, könnte auch bewusst entschieden worden sein – als Ablehnung der unmenschlichen Produktionsprozesse, der eingebauten Obsoleszenz oder der dauerhaften Präsenz des Digitalen. Dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul? Sollte man aber, wenn er den eigenen Vorstellungen entgegen steht.

Die Situation ist für alle Beteiligten denkbar unangenehm. Die eine merkt natürlich, dass überschwängliche Jubelschreie ausbleiben. Unter verhaltenem Lächeln schimmern Enttäuschung und das Gefühl, nicht verstanden worden zu sein.

Geschenke abzulehnen, ist uns unangenehm: In der Ablehnung eines Geschenks schwingt auch die Ablehnung der Beziehung mit. Marcel Mauss schreibt dazu: “Das Geben zu verweigern, es zu verabsäumen, den anderen einzuladen, ist wie auch die Weigerung, etwas anzunehmen, gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung. Es bedeutet, das Band der Allianz und Gemeinsamkeit zurückzuweisen.“ Die Beschenkten stehen zwischen der Aufrichtigkeit zu sich selbst, und zu den Gebenden gegenüber.

Als höfliche Ausrede bleibt vielleicht die Notlüge: „Wie lieb von dir, aber das habe ich schon.“ Angenehm ist anders.

Walter Schmidt sieht im Schenken „Akte der Kommunikation“. Wir zeigen, wie gut wir andere kennen, verstehen, uns in sie hineinversetzen können. Schenken ist eine Art, Wertschätzung zu zeigen. Und kaum etwas ist wohl schöner – sowohl für Schenkende als Empfangende – als ein gelungenes, überraschendes Geschenk von Herzen.

Leider kommen die meisten Geschenke unter deutschen Tannenbäumen wie Erledigungen daher. Derrida schreibt: „Damit es ein Geschenk ist, darf keine Gegenseitigkeit, keine Erwiderung, kein Austausch, kein Gegengeschenk und keine Schuld bestehen.” Ich würde behaupten, davon sind wir weit entfernt. Denn das Schenken zu bestimmten Anlässen kommt einer sozialen Verpflichtung gleich. Wer ihr nicht nachkommt, muss fürchten, Enttäuschung zu ernten.

Manchmal wird das Schenken gar zum Tauschhandel: das Geschenk als Investment, von dem sich ein gleichwertiges Gegengeschenk erhofft wird. Oft ein Missverständnis: denn auch beschenkt zu werden will gelernt sein. Manchmal ist die Freude über das Geschenk das größte Gegengeschenk.

Wer mehrfach negative Erfahrungen mit dem Schenken gemacht hat, kann einen von drei Schlüsse ziehen:

1. Geschenke auf Bestellung

Wenn vorher klar kommuniziert wird, worüber man sich freute, kann doch eigentlich gar nichts schief gehen. So geht dem Schenken jedoch die Überraschung verloren. Empathie wird – wie beim Geld schenken – auch nicht eben gefördert. „Geld heißt, ich kann bezahlen und muss dann keinen Gedanken mehr an meinen Mitmenschen verschwenden […], kein gegenseitiges Kennenlernen, kein lebendiger Austausch, der zum natürlichen Ineinanderfließen von Bewegungen der Abhängigkeit und der Wertschätzung führt.“ so Charles Eisenstein.

2. Lassen wir Geschenke doch einfach

Die Soziologin Elfie Miklautz nennt das einen „Nichtangriffspakt, man lässt sich gegenseitig in Ruhe mit dieser sinnlosen Verpflichtung.“

So einfach ist das aber nicht. Uns wird unwohl, wenn wir daran denken, an Weihnachten ein Geschenk zu empfangen, ohne mit einem Gegengeschenk antworten zu können. Dabei ist laut Eisenstein „Das Geschenk eines anderen voll und ganz anzunehmen, […] eines der wichtigsten Geschenke, die wir machen können.“  Bei der Gabe sollten wir uns in Gelassenheit üben. Wenigstens um dem Teufelskreis der Pflichtgeschenke zu entrinnen.

Schön wäre es, nicht das Schenken abzuschaffen, sondern die Verpflichtung dazu.

3. Alternative Geschenkideen

Von Herzen schenkt, wer gibt, woran er selbst Freude hat, sich aber trotzdem fragt, ob der/die Beschenkte sich ebenfalls darüber freut. Ich schenke gerne selbstgemachte Köstlichkeiten. Aber werden das Knoblauch-Öl und Pralinen zu Staubfänger und Hüftgold? Geht es um meine Freude oder die der Beschenkten?

So muss ich also auch reflektieren, ob es den von mir beschenkten Menschen vielleicht ähnlich geht wie mir? Vielleicht fühlen sie sich bedrängt, eingeengt, oder sind genervt? Und sagen es auch Höflichkeit genauso ungern wie ich?

Eine andere Möglichkeit: Ich schenke, dir, dass du etwas gutes getan hast. Eine Ziege für ein Dorf südlich der Sahara. Die Finanzierung einer Jahresration Futter für einen Hund im nächsten Tierheim. Das wäre entgegen dem Hin- und Herschieben von Scheinen zwischen Vollverdienenden durchaus eine Möglichkeit, Sinn zu stiften. Es kann Gesprächsstoff beim Weihnachtsessen liefern und der/die Beschenkte kann wahre Größe zeigen, sich über ein solches Geschenk aufrichtig zu freuen. Ich kenne allerdings (bisher) weder jemanden, der derart beschenkt wurde noch geschenkt hat.

Statt uns zwanghaft Dinge verpacken zu wollen, könnten wir uns stattdessen auch dazu entscheiden, Zeit zu schenken. Zu allererst durch bewusste Präsenz, wenn wir uns in den letzten Wochen des Jahres befinden, die als einige wenige noch kollektiv dem Arbeitsfetisch entzogen sind. Smartphone aus, Gegenüber an.
Darüber hinaus sind auch geteilte Erlebnisse ein schönes Geschenk. Der Museums-, Theater- oder Kinobesuch, Spaziergänge, die gemeinsame Wanderung bis hin zum gemeinsamen Frühstück. All das, was man gern, aber viel zu selten gemeinsam macht. Planung, Auswahl und Initiative als Geschenk, an dessen Ergebnis man sich auch selbst erfreut.

Als Schenkende sollten wir uns also bemühen, nur dann zu Schenken, wenn wir wirklich Lust und Freude daran haben und uns etwas Schönes einfällt. Nieder mit Verpflichtung und Zwang!
Für Beschenkte ist es immer gut, einfach keine Erwartungen zu haben, das gut gemeinte zu sehen, und dafür dankbar zu sein, aber mit freundlicher Bestimmtheit zu sagen, dass man, in meinem Fall mit ressourcenintensivem Nippes, nicht glücklich zu machen ist. Schon um sich gegenseitig eine Wiederholung dieser Situation zu ersparen. Und in manchen Situationen tut’s auch eine Prise Humor und Leichtigkeit: Ich werde meiner Oma nie übel nehmen können, dass sie, um „nicht nur Geld zu schenken“, alle Jahre wieder die Tombola-Gewinne der letzten Sparclub-Auszahlung verpackt. Ich drück sie dann, kichere in mich hinein, wir trinken Schnaps und lachen. Zwei Wochen später ist die örtliche Diakoniestation um ein Stück reicher. Vielleicht wird es ja gekauft von den Organisierenden der nächsten Sparclub-Tombola.

Quellen:

Marcel Mauss: The Gift: The Form and Reason for Exchange in Archaic Societies. Trans. W.D. Halls. W. W. Norton and Co., 2000, Seite 13.