Die Vorfälle zum Jahreswechsel, allen voran am Kölner Hauptbahnhof, haben eine gesellschaftliche Diskussion losgetreten. Unter dem Deckmantel einer Sexismus-Debatte wurde es sehr schnell rassistisch. Doch zu erst möchte ich auf ein anderes Phänomen zu sprechen kommen: Victim Blaming.

Victim Blaming ist, um kurz aufzufrischen, die “Täter-Opfer-Umkehr” und bezeichnet die Suche nach Schuld beim Opfer. Thematisiert wird Victim Blaming hauptsächlich, wenn es um Vergewaltigungen geht. Die klassischen Beispiele sind “dann soll man halt nicht nachts alleine raus gehen”, “dann soll man sich halt nicht so aufreizend anziehen”, oder brandaktuell “dann soll man halt eine Armlänge abstand halten.

Darzulegen, warum diese Art der Herangehensweise an solche Verbrechen falsch und schädlich ist würde hier den Rahmen sprengen. Es gibt genügend Studien und Artikel dazu. Mir geht es mehr darum, wo die Ursprünge dieses Denkens liegen.

Denn Victim Blaming ist, im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt, nur die logische Konsequenz der Gesellschaft in der wir leben. Eine Gesellschaft, in der Opfern immer dann die Schuld in die Schuhe geschoben wird, wenn ein anderes Narrativ nicht in das Weltbild des ach so tollen, westlichen, entwickelten Landes passt. Ist jemand anders Schuld, muss ich mir selber keine Gedanken machen, ich habe alles richtig gemacht. Tragischerweise scheint uns Menschen diese Art der Auseinandersetzung mit Problemen gefährlich leicht zu fallen. Victim Blaming ist ein besonders perfider Auswuchs der Egozentrik. 

Man sehe sich zum Beispiel den Umgang mit Arbeitslosen in unserem Sozialstaat an. Wacker hält sich der Mythos der faulen Arbeitslosen. Wir Menschen sitzen tagtäglich dem Irrtum auf, viele Aspekte unseres Lebens kontrollieren zu können. Der arbeitstätige Mensch sieht nur sich, eben arbeitstätig. “In Deutschland kann jeder Arbeit finden, ich habe es ja auch geschafft.”

Und sollte man selber dann doch mal seinen Job verlieren und nach ein paar Monaten feststellen, dass es doch nicht so leicht ist, dann müssen schnell andere her um das Kreuz zu tragen. Vielleicht sind es ja doch die Flüchtlinge, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Die Vorstellung man wäre vielleicht zu faul? Absurd. Die anderen, die sind immer noch faul, aber doch nicht ich!

Dass vieles im Leben einfach dem Zufall geschuldet ist, passt einfach zu schlecht in den Kausalitätswahn des menschlichen Gehirns. Leider hat diese Denkweise Konsequenzen und hat unter anderem seit den 90er Jahren den Sozialabbau massiv beflügelt.

Doch Victim Blaming gibt es auch in noch viel simpler. Und je simpler das ganze wird, desto irrationaler scheint es auf den ersten Blick zu sein, von Victim Blaming zu sprechen – was aufzeigt, wie tief das Konzept in unseren Köpfen sitzt. Eigentlich ist Victim Blaming nichts anderes als das leicht über die Lippen gebrachte “Selber Schuld!”. Angenommen, jemand lässt sein Handy im Club auf dem Tisch liegen und geht tanzen, das Fahrrad für nur zwei Minuten unangeschlossen vor der Post stehen. Danach sind die Sachen weg. Selber Schuld!

Aber bin ich wirklich selber Schuld, wenn ich meine Wertgegenstände nicht ausreichend sichere? Die Antwort lautet ganz klar: Nein! Ich habe vielleicht die Umstände begünstigt, aber Schuld ist ausnahmslos die Person, die einen Gegenstand in fremden Besitz an sich genommen hat. Und das steht nicht zur Debatte. Da gibt es bei Handy und Fahrrad genauso wenig zu diskutieren wie bei Gewalt, sexualisiert oder nicht.

Auch eine nackte Frau, die mit gespreizten Beinen nachts auf einer Wiese liegt, kann nicht Schuld an einer Vergewaltigung sein. In unserer Gesellschaft wäre es zwar alles andere als ratsam sich entsprechend zu positionieren, aber Schuld wäre auch in diesem Fall die vergewaltigende Person.

Und das ist der Knackpunkt. Die Gesellschaft, in der wir leben. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Das sollte die Frage sein. Ich für meinen Teil würde sehr gerne in einer Gesellschaft leben in der ich mein Handy irgendwo liegen lassen kann, in der ich mein Fahrrad nicht ab- und meine Haustür nicht zuschließen muss. Und in einer Gesellschaft, in der eine Frau nackt und mit gespreizten Beinen auf einer Wiese liegen könnte wenn ihr danach ist. Ohne sexualisiert oder Opfer von Gewalt zu werden. Und wer jetzt denkt, dass Ausländer oder Flüchtlinge das sind, was uns von diesen Umständen trennt, der hat nichts verstanden.

Leider sind wir von dieser utopisch anmaßenden Gesellschaft meilenweit entfernt. Es wird in den letzten Tagen im Zusammenhang mit den Übergriffen an Neujahr von vieler Seite gefordert, nicht erneut lediglich Symptombekämpfung zu betreiben, sondern zum Beispiel Aufklärung zu Missbrauch und Grenzüberschreitungen schon im Schulalter verpflichtend zu machen. Dieser Ansatz ist richtig und gut, ich fürchte aber, dass die tatsächlichen Ursachen für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in Deutschland viel tiefer liegen.

Sie liegen in der Egozentrik des Menschen. Sie fangen schon beim Schulkind an, dessen Eltern aufgebracht zum Lehrer rennen, weil das Kind eine schlechte Note hat. Für die 1 auf dem Zeugnis ist das tolle Kind selbst verantwortlich, bei einer 5 ist der schlimme Lehrer Schuld. Sie liegen in der Leistungsgesellschaft, in dem die 5 auf dem Zeugnis bedeutet, dass das Kind weniger Wert ist als das mit der 1. Sie liegen in einer Gesellschaft mit unzureichender Systemkritik, in der lieber nach sozial unten getreten wird, als sich mit Zusammenhängen zu befassen. In der alle anderen Schuld sind, nur ich nicht.

In der ich aus Angst vor Kontrollverlust nicht wage, die Gesellschaft in Frage zu stellen. In der ich mir weiter mit beiden Augen geschlossen und Fingern in den Ohren die heile Welt herbeiwünsche. Ohne jegliche Bereitschaft in mir selbst etwas zu verändern.

Machen wir es kurz. Wenn man heutzutage das Bedürfnis hat zu Kotzen, ist eine gute Alternative zur altbewährten Finger-in-den-Hals-Methode, auf Twitter oder Facebook zu gehen und sich unter #kölnhbf oder #aufschrei einige Posts durchzulesen. Hier darf sich der Fremdenhass noch frei entfalten. Hier wird fast schon bewundernswert eine Fähigkeit des menschlichen Gehirns aufgezeigt, die wir von weiter oben schon kennen.

Die Fähigkeit, sich Geschehnisse so zurechtzurücken, dass sie in das Weltbild passen. Hier wird der Bio-Deutsche Internetpöbler, der sonst zwei mal pro Tag irgendwelchen FeministInnen Vergewaltigungen an den Hals wünscht plötzlich zum Frauenrechtler. In den absurdesten Formen ein und dasselbe Thema: Jetzt sind sie zu weit gegangen, jetzt müssen sie alle wieder raus aus Deutschland, die notgeilen Ausländer.

Jetzt ist endlich mal jemand anders Schuld an sexualisierter Gewalt. Jetzt ist es mal nicht das Opfer, sondern jetzt ist es der Ausländer an sich. Der hier her kommt und unsere schöne, heile Welt kaputt macht. Der einfach mir nichts, dir nichts unsere Frauen begrabscht. Und mal ehrlich, es sind ja auch genau die, die unsere Smartphones und Fahrräder klauen. Die unsere Lehrer überfordern, weil sie die Schulen überfluten. Nur deswegen hat der kleine Erich jetzt ’ne 5 in Mathe. Wenn die nicht da wären, dann wäre alles eitel Sonnenschein. Leider findet man solche Aussagen tatsächlich gehäuft im Internet, und auch nicht nur so dahergesagt. Die Leute glauben daran. Der Flüchtling, der sich nicht integrieren will, und freiwillig straffällig wird ist aus dem selben Holz geschnitzt wie der faule Arbeitslose. Selber Schuld!

Ein Bienchen für besonders ekelerregend bekommt dabei die Benutzung des Hashtags aufschrei, mit dem sich gewundert wurde, wo denn dieses mal der #aufschrei bliebe. Die mehrheitlich politisch links angesiedelten FeministInnen würden sich wohl nicht äußern, weil ihnen die Herkunft der Täter nicht passe. Auch das: Ein Auswuchs des ständigen Auf-Andere-Schauens, bloß nicht auf sich selber. Vielleicht auch verständlich, wenn ein kritischer Blick auf sich selbst offenbaren würde, dass man gerade eine widerliche Straftat instrumentalisiert, um Menschen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, Heuchelei vorzuwerfen.

Aber auch das wollen sie nicht verstehen. Natürlich sind die Ereignisse um Neujahr Straftaten, und natürlich muss man sich damit befassen und nach allen Möglichkeiten die Täter bestrafen. Aber was man ganz sicher nicht machen muss, ist Rassismus und Angst zu schüren. Und man muss und darf nicht pauschalisieren. Und bevor man anfängt “die Kulturen passen einfach nicht zusammen” zu stammeln, sollte man sich mal seine eigene Kultur genau anschauen. Gerne mit Hauptaugenmerk auf das Frauenbild und sexualisierte Gewalt.

Es ist ermüdend, sich damit auseinanderzusetzen. Mit Menschen, die nicht gewillt sind auch nur ein winziges bisschen weiter zu denken als “Die sind schuld”. Die mit Augen und Ohren fest geschlossen, alle Ressourcen auf den hassverzerrten Mund gebündelt ihre Lösung für alle Probleme in die Weiten des Internets spucken: „Das Problem sind die anderen. An mir liegt es nicht.“

Und es ist ja auch total angenehm das zu tun. Ich würde auch lieber das Internet zumachen und mir vorstellen, dass es den ganzen Hass nicht gibt auf der Welt. In meinem unmittelbaren Umfeld gibt es ihn so auch nicht. Aber davon geht der Hass nicht weg. Also schreibe ich diesen Artikel hier und versuche, mir meine sozialisierte Egozentrik aus der Brust zu reißen. Als weißem Mann wurde mir genug Scheiße mit auf den Weg gegeben was Frauenbilder und Rassismus angeht. Und nur um das nochmal klarzustellen, das hat nichts mit Selbsthass zu tun. Man hasst nicht alles was man kritisiert, auch nicht an sich selber.

Und das sind keine Schalter, die man mal eben so umlegen kann und dadurch plötzlich zum perfekten Mensch wird, das sind steinige Wege der Selbstreflektion. Das ist ein in-sich-selber-ausmisten, ein Eingeständnis eigener Fehler im Denken und Handeln. Geht davon der Hass dann weg? Wohl kaum, aber das kann ein Anfang sein.

Ich wünschte mir, dafür wären mir von Schule und Gesellschaft bessere Werkzeuge bereitgestellt worden. Denn im narzisstischen Herumschieben von Schuld findet einiges an Problemen seinen Anfang.

 

  • Phil

    Ich finde den ersten Teil echt wirklich gut, hätte nicht gedacht, dass nur der Schreibstil einen neue Erkenntnisse gewinnen lassen kann. Leider verliert sich zum Ende hin ein wenig der Rote Faden und es ist schwer nachzuvollzihen was der Autor nun als Schlussfolgerung / „Lösung“ des Problems sieht ausser nicht früher aufgeklärt worden zu sein.
    Ansonsten Top geschrieben!
    Weiter so!

    • http://doktorpeng.de Doktor Eck

      Vielen Dank für Lob und Kritik.
      Was eine „Lösung“ angeht, ist es bei der komplexen Lage leider schwierig, und sicherlich der Ruf nach mehr Aufklärung und früherer Sensibilisierung irgendwo auch unbefriedigend. Aber irgendwo sollte man trotzdem anfangen, und wenn es drei Generationen dauert, dann ist die Welt wenigstens dann schöner. :/
      Von heute auf morgen habe ich auf jeden Fall keine Idee, außer an mir selbst als Person zu arbeiten.

  • Felix Diel

    ich finde den Artikel echt gut – ich bin meiner Meinung nach ein sehr reflektierter Mensch und versuche aus mir das beste zu machen – nicht in einem Leistungsgesellschaftsmäßigen Sinn sondern in der Hinsicht, dass ich ein guter Mensch – wie ich ihn mir eben vorstelle – werden möchte.Dazu gehört unter anderem auch, dass ich unvoreingenommen, tolerant und menschenfreundlich – allen Menschen gegenüber – sein will. Ich muss sagen, dass mir dieser Artikel ein Stück weit dabei hilft, mich selbst zu reflektieren. So finde ich den Ansatz, dass man auch beim liegengelassenen Mobiltelefon nicht selber Schuld idt sehr gelungen. Aber auch der komplette rest des Artikels gefällt mir. Wenn jemand etwas machen möchte so sollte er dies tun können – vorrausgesetzt natürlich er beschränkt dadurch nicht andere Menschen.