„Liebe und Tod, wie alle Schriftsteller,“ sagte kürzlich ein älterer Herr zu einem Journalisten, der fragte, worüber er, der ältere, so schreibe. Einen sehr eigenwilligen, schonungslosen Zugang zu Fragen des Lebens und der Liebe erschließen die Kurzgeschichten von Raymond Carver. Dort ist die Hoffnung auf das ganz Große meist schon lange fort. Es wird trotzdem weiter gelebt, frei nach Beckett: Es lebt, weil es nicht anders kann. Und es wird auch geliebt.

„What we talk about when we talk about love“ ist eine höchst amerikanische Kurzgeschichte und Vorlage für zahlreiche Verwurstungen, darunter eine höchst kunstvolle von Nathan Englander („What we talk about when we talk about Anne Frank“). Aber zu Carver: Ein Paar lädt ein anderes nachmittags zu sich nach hause ein. Zu hause, das ist in Albuquerque, New Mexiko, und damit nirgendwo. Immerhin, Albuquerque liegt an der Route 66 und nicht lange, bevor die Geschichte spielt, wurde hier Microsoft gegründet. Aber an diesem Nachmittag kennt Microsoft noch keiner. Albuquerque ist ebenso Phoenix, Tucson oder Las Cruces… wichtig ist aufm Tisch. Dort steht eine Flasche Gin. Sie sitzen am Tisch, trinken und reden über Liebe. Das passiert in der Literatur öfter als im echten Leben:

Sie saßen und tranken am Teetisch

Und sprachen von Liebe viel

Die Herren waren ästhetisch

Die Damen von zartem Gefühl

(Heinrich Heine)

 

Wo Heine sich an gebrochener Romantik versucht, ist bei Carver alles ganz einfach. Worüber seine Leute reden, wenn sie über die Liebe und doch nicht über die Liebe reden: Gewalt, Langeweile, Geltungssucht, Macht, Sehnsucht, Angst, Routine, Gewissensbisse, Hilflosigkeit. Und während bei Heine Schablonen defilieren – der Hofrat, die Gräfin, der Domrat – trinken hier echte Menschen echten Gin. Und führen echte Tischgespräche.

„Go on with your story, hon. I was only kidding. Then what happened?“

„Terri, sometimes,“ Mel said.

„Please, Mel,“ Terri said. „Don’t always be so serious, sweetie. Can’t you take a joke?“

„Where’s the joke?“ Mel said.

He held his glass and glazed steadily at his wife.

(Raymond Carver)

Wovon wir lesen, umspannt einen Zeitraum von vielleicht zwei Stunden an einem Küchentisch. Wovon wir nicht lesen, wovon aber erzählt wird: Ein dumpfer Alltag, der nur bewältigt werden will, Gäste, die später gedankenlos den Driveway hinabfahren, Gastgeber, die hängenden Kopfes gen Haus zurücktrotten, ein ganzes Südstaatenleben.

Es ist eine sehr kurze Kurzgeschichte, einige schmale Seiten auf der Homepage des New Yorker. Aber genug, um sich auf jeden der vier Versammelten einzulassen. Je weiter der Gin die Kehle hinabrinnt, desto tiefer gerate ich in die Geschichte und höre auf, mich zu wundern: Was diese vier miteinander verbindet, was uns unsere Freunde wählen lässt, wo die Liebe so hinfällt. Wieviel ist Kontingenz, wie viel mehr noch in New Mexico? Am Ende sitzen wir da zu fünft und stieren in unsere Gläser. „’I’ll put some cheese and crackers,’ Terri said. But Terri just sat there. She did not get up to get anything.“ Und auch die anderen bleiben sitzen, „not one of us moving, not even when the room went dark.“

„What we talk about when we talk about love“ ist extrem minimalistisch und dicht erzählt. Das ist zu einem großen Teil das Werk des Herausgebers Gordon Lish, der kräftig in Carvers Story herumgefuhrwerkelt hat. Carver selbst war über die Kürzungen unglücklich. Seine Witwe erreichte vor ein paar Jahren, dass unter dem Titel „Beginners“ auch die Originalerzählung erscheinen konnte. Beide Fassungen sind auf der Homepage des New Yorker abrufbar, die berühmtere von Gordon Lish bearbeitete Fassung leider nur im Änderungsmodus. Es ist sehr spannend nachzuvollziehen, wo Lish die Erzählung wie verändert hat, aber das Leseerlebnis wird davon versaut. Immerhin, man bekommt einen ersten Eindruck. Oder liest „Beginners“, die ausschweifendere, lyrischere Originalversion.