Das Buch “Empört euch!“ (Orginaltitel: Indignez-vous!) war das revolutionäre Minifest für die 15M-Bewegung in Spanien. Auch in Italien, Griechenland, Portugal und Frankreich besetzten zu Beginn der Finanz- und Arbeitsmarktkrise junge Menschen öffentliche Plätze und experimentierten mit Basisdemokratie herum. Doch der Autor des Buches, Stéphane Hessel, ist ein ehemaliger französischer Widerstandskämpfer und starb vor einem Jahr.

Im Alter von 95 Jahren.

Kurz davor erschien das Buch “Der kommende Aufstand“ eines anonymen Kollektivs, welches sich das unsichtbare Komitee nennt. Der von der Polizei verdächtigte Hauptautor und Verleger ist auch nicht gerade Anfang 20.

Wo sind die jungen Dutschkes oder meinetwegen jungen Joschka Fischers in diesem Land? Warum ist Rio Reiser tot?

Die rhetorisch besonders auffälligen Reden im Bundestag stammen zum Beispiel von Gregor Gysi – 66 Jahre alt und Ströbele – ganze 74 Jahre alt.

In unserer Generation hingegen wird wenig angeeckt. Sind wir allesamt konformistische Karriereschweine? Nee, keinesfalls! Ein bisschen Yoga, Meditation und Ausgleichssport – auf jeden Fall eine gut bedachte `Work-Life-Balance` ist vielen Menschen unserer Generation sehr wichtig. Die Zeit (Wir sind jung und brauchen das Glück ) und andere Zeitungen feiern uns dann als Generation Y mit einem Haufen Potenzial und unseren `neuen` Werten.

Es ist ja schön und gut, wenn uns Sinnhaftigkeit in der Arbeit und Zeit für Familie wichtig sind, sonderlich kämpferisch und umstürzlerisch klingt das aber nicht.

Wir verstehen uns größtenteils als postideologische Generation. Aber das soll nicht heißen, dass die meisten glauben es gäbe zu der jetzigen Gesellschaft keine Alternative. Viele verstehen diese Gesellschaft `nicht als letzte Antwort der Geschichte`. (Ertappt: das war ein Zitat von Gysi.)

Aber es läuft halt niemand mehr einer großen Idee, einer Ideologie, die sich als Antwort für alle Fragen versteht, hinterher.
Das ist nicht zwingenderweise blöd und mit Politikmüdigkeit gleichzusetzen. Wenn wir undogmatisch und unabhängig irgendwelcher politischer Lager über die Probleme direkt diskutieren, ist das eine Chance.

Statt mit Erzählungen von Straßenschlachten und Hausbesetzungen langweilen wir also unsere Enkel mit Geschichten über das Liquid-Feedback-System der Piratenpartei oder der Gemüsekiste vom Biobauern? Vielleicht.
Vielleicht ist das auch gar nicht mal so schlecht so… Obwohl…

Ganz unwichtig sind Indentifiaktionsfiguren anscheinend aber dennoch nicht geworden. Die letzte Bundestagswahl mit der Grand Dame Merkel und einer kopflosen Opposition zeigt ja doch, dass viele Wähler Personen und nicht Programme wählen. Nach der Wahl gab es eine Infratest-Dimap-Umfrage im Auftrag der ARD-„Tagesthemen“ warum Wähler die CDU wählten (-> Merkel) und warum andere Parteien (-> Programme).

Aber das widerspricht evtl. gar nicht der Theorie, dass unserer Generation Personen nicht mehr so wichtig sind, 2013 waren genau 16% der Wahlberechtigten unter 30 Jahre alt.

Vielleicht ist es besser, wenn jeder Mensch ein wenig revolutionär ist und nicht auf Bauernfänger und selbst ernannte Führungspersonen herein fällt. Vielleicht haben wir es uns ein wenig bequem gemacht.

Aber die Fragen sind immer noch da.

[Das Foto stammt vom Autor. Es zeigt eine Oma in Athen die sich dort eine Pause gönnt, wo es sich anbietet. Kratzer zum Trotz. So ist das parkende Auto wenigstens für irgendetwas gut.]