Star Wars: The Force Awakens – Ein Hoch auf die Tradition!

Das Jahr 2015 war vielleicht das blockbusterreichste der Filmgeschichte: James Bond, Jurassic Park, Terminator, Avengers, Mad Max und noch eine Bazillion weiterer Streifen eroberten die Leinwände dieser Welt und erschufen, verstärkten oder vernichteten ganze Fangemeinschaften. Doch das größte Filmereignis des Jahres steht uns erst noch bevor und läuft nun endlich in den Kinos an: Star Wars ist zurück! Die (Fan)Welt zittert. Kann ausgerechnet Disney mit einem neuen Regisseur und ganz ohne George Lucas der Saga zum alten Glanz verhelfen oder wiederholt sich das Episode 1-Dilemma der zerschmetterten Hoffnungen?

Mein Verhältnis zu den Star Wars Filmen ist die gleiche wie das von vielen anderen: als kleines Kind sah ich Star Wars: Eine Neue Hoffnung (damals hieß Star Wars außerdem noch Krieg der Sterne) und es war das erste Mal, dass meine Passion für Filme wirklich entfacht wurde. George Lucas gelang mit seiner ursprünglichen Trilogie ein kleiner Geniestreich: er bediente sich breit aus dem Schmelztiegel der Kulturen und verarbeitete Einflüsse von Western, Samurai-Film, Märchenfilm, Science Fiction und noch viel mehr. Er baute die klassischste aller Handlungen auf und mischte alles so zusammen, dass es sich neu anfühlte. Die Art und Weise, wie all diese Elemente verwoben waren, wie sie zum Leben erweckt wurden, mit wie viel Finesse und Detailtreue gearbeitet wurde – all dies erschuf eine Filmreihe, die uns einerseits das wohlige Gefühl des Altbekannten gab aber auch den brennenden Impuls einer neuen Welt, die wir entdeckten konnten und die uns zum Staunen brachte.

Meine Leidenschaft für seine Welt ist über die Jahre abgekühlt, aber dennoch schätze ich die alten Filme noch sehr und runzele über die neuen (ausgenommen Die Rache der Sith) wie viele andere meine Stirn. Als ich im Kino saß um Das Erwachen der Macht anzuschauen gab es also eine gewisse Distanz zwischen mir und dem Krieg der Sterne-Universum und meine Erwartungshaltung war gespannt ohne euphorisch zu sein.

Doch alte Liebe rostet nicht. Denn als das Licht ausging, der Schriftzug „Es war einmal…“ verblasste und aus dem Dunkeln mit altbekannter Musik der Schriftzug „Star Wars“ Richtung Sternenhimmel flog war ich kurz wieder das Kind, das Staunen wollte.

Die erste Entscheidung, die getroffen wurde ist direkt ein cleverer Schachzug: die Handlung setzt 30 Jahre nach Die Rückkehr der Jedi-Ritter an, der selbst vor 32 Jahren in den Kinos lief. Nicht nur können also die alten Darsteller ohne Logiklöcher reaktiviert werden, es wird auch mit unseren Erinnerungen gespielt. Wir als Zuschauer denken an unser erstes Star Wars Erlebnis mit der gleichen Sehnsucht und Nostalgie zurück, mit der die Figuren im Film sich die alten Zeiten sehnen und raunend über die Legenden vom letzten Jedi-Ritter und dem Fall Darth Vaders sprechen. Eine simple Strategie, um alte Zuschauer gnädig zu stimmen ohne neue zu verlieren. Im Lauftext werden wir sogar mit einem wirklich cleveren Mysterium konfrontiert, dessen Lösung wir rein intuitiv wissen wollen und das uns die Abwesenheit einiger Figuren auf geschickte Weise verschönert. Mehr sei über die Geschichte an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: Star Wars Neulinge werden zuweilen große Mühe haben, der Handlung zu folgen.

Ein wichtiger Themenkomplex im neuen Star Wars Film ist die Familie und die Tradition. Mehr noch als in den alten Teilen fragen sich Figuren, wo sie herkommen und welches Erbe sie antreten wollen, können und müssen. Sind wir dazu verdammt die Ebenbilder unserer Vorfahren zu sein, oder müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, auch wenn uns dazu manchmal der Mut fehlt? Solche oder ähnliche Gedanken muss sich auch Regisseur J. J. Abrams gemacht haben, als er dieses Projekt in Angriff nahm. Welchen Vorbildern darf ich folgen und was darf ich neues probieren ohne mein Erbe zu verraten?

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Es gibt einige feine Neuerungen, denn im Gegensatz zur gedankenschweren Welt der Jedi-Ritter aus den Prequels, ist der Buddy-Humor (teilweise vielleicht etwas zu stark) zurückgekehrt. Es sind Figuren mit schnellen Mundwerk, mit denen man Spaß am Abenteuer hat: allesamt symphatisch, clever und spannend. Die Krönung ist jedoch die großartige Newcomerin Daisy Ridley, die uns eine weibliche Hauptrolle spendiert, wie man sie sich besser kaum wünschen kann.

Doch ein Großteil des Films bleibt der Tradition verhaftet. Abrams, das spürt man, ist Star Wars-Fan gewesen, ehe er Star Wars-Regisseur wurde. Man zweifelt nicht daran, dass er einen Film macht, wie er ihn sich selbst als Zuschauer gewünscht hätte und man merkt, dass er die Materie schon lange kennt und sicherlich für seine Mammutaufgabe hier nochmal völlig neu studiert hat. Dafür stellt er sogar seinen eigenen Look mit Lensflares und Wackelkamera zurück und bildet stattdessen Lucas (und teilweise auch Spielbergs) Bildsprache nach, um eine uns vertraute Galaxis zu erschaffen.

Vielleicht zu vertraut. Denn so sehr man sich auch in die Welt fallen lassen möchte, fällt einem doch ein Trend des Re-Brandings schnell ins Auge. Wir haben einen neuen Wüstenplaneten, aber nennen ihn nicht Tatooine, wir haben etwas, das wir nicht Todesstern nennen, jemanden, den wir nicht Imperator nennen und eine Bar, die nicht Mos Eisley heißt. Ein junger Mensch, der auf einem Sandplaneten festsitzt und sich nach mehr sehnt, findet einen quirligen Roboter, der wichtige Pläne für die Rebellion (pardon, die Resistance) in sich trägt. Klingt vertraut? Wo hier die Hommage aufhört und das Recycling anfängt, ist eine gute Frage. Doch zumindest versteht es Abrams seine größten Trümpfe richtig auszuspielen, denn die Frequenz und die Art der Auftritte von alten Bekannten und die wirklichen Referenzen an die ursprünglichen Teile sind oft ideal gesetzt. Nur selten geht eine Referenz zu weit und nur ein oder zwei Mal muss man etwas mit den Zähnen knirschen, weil die Selbstironie  sich doch nicht zurückhalten konnte. Abgesehen von diesen kleinen Fehltritten wird den Fans in fast jeder Hinischt mit vorauseilendem Gehorsam genüge getan.

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Das Resultat ist ein Star Wars Film, der in der Theorie alle Punkte trifft, die man auf seine Wunschliste schreiben würde: wir haben die exotischen Planeten, die übergroßen Monster, die fremdartigen Aliens, die Weltraumaction, die Lichtschwertduelle, die Macht, den Mythos… aber leider nicht immer die Magie. Wie bei vielen seiner Filme weiß Abrams genau, was er erzählen muss und wann er es erzählen muss, aber manchmal fehlt das Wie. Man wünscht sich größere Auftritte und Abgänge und etwas mehr Majestät und Grandeur, damit die wichtigen Momente sich so anfühlen, wie sie gemeint sind.

Wenn ich an Das Imperium schlägt zurück denke, freue ich mich auf die Schlacht auf Hoth, Dagobah und das finale Duell zwischen Luke und Vader. Bei Eine Neue Hoffnung Liebe ich Mos Eisley und das Finale. Sogar bei den Prequels finde ich immer wieder einzelne Momente, denen ich entgegenfiebere. Doch The Force Awakens setzt keine großen Akzente, sondern erzählt stattdessen eine kontinuierlich starke Geschichte, die sehr rund und organisch ist, ohne dass man über große Passagen einzelne Augenblicke positiv oder negativ hervorheben könnte.

Zumindest bis es ins Finale geht, denn plötzlich öffnet sich ein Abgrund, der die schönste Tugend und den schlimmsten Fehltritt des Films direkt gegenüberstellt. Ein großes Hindernis der Prequels war es immer, eine Geschichte spannend zu erzählen, von der wir wissen, wo sie enden muss. Wir konnten ahnen mit welchen Figuren was passieren muss, damit alles dort hinführt, wo die alten Teile anknüpfen. Die Sequels haben diese Fußfessel nicht und dankenswerter Weise vollführt The Force Awakens immer wieder einige kluge Winkelzüge um diese Stärke auszuspielen. Der Film entscheidet selbst, welche Figuren er einführt und was mit ihnen geschieht. Er verheizt sie nicht, sondern nutzt sie weise.

Doch gerade, wenn man Gefallen an diesen Gedanken findet und sich darauf einlässt, kommt der altbekannter Action-Overload. Es wirkt, als ob der Film seiner eigenen Handlung stellenweise doch nicht vertraut, als ob er das Gefühl hat, dass die Leute durch Emotionen und Charakterbildung irritiert sein könnten, wenn man nicht ganz schnell noch etwas groß in die Luft jagt. Und dieses fehlende Vertrauen in den Zuschauer, dass uns Explosionen statt Emotionen zeigt, wird dem Film spätestens dann zum Verhängnis, als er seinen stärksten Handlungsstrang gegen seinen Schwächsten ausspielen will und sich damit selbst auf die Füße tritt.

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Man könnte alles etwas entzerren, allem etwas mehr Raum zum atmen lassen, aber trotzdem bleibt der große Gesamteindruck ein positiver: uns wird ein routiniert umgesetzter Science-Fiction-Bombast mit vielen kleinen Schwächen aber ohne große Mängel präsentiert, der sich seine Laufzeit nicht anmerken lässt und Lust auf mehr macht und noch viel Klärungsbedarf für die unzähligen Rätsel, die er aufgibt bereit stellt.

In der originalen Trilogie, in einer Szene ganz ohne Explosion, nutzt Luke Skywalker zum ersten Mal die Macht und wird von Obi-Wan mit den Worten gelobt:  „Du hast den Schritt in eine größere Welt getan.“ Genau so fühlt sich Das Erwachen der Macht an. Wie ein erster Schritt in eine neue, größere Welt, in der es viele Möglichkeiten gibt, die noch nicht komplett genutzt wurden. Zwar konnte der Film mich nicht komplett in das staunende Kind zurückzuverwandeln, dass ich einst war, aber dennoch bin ich mehr als gespannt, was diese Welt für uns in Zukunft noch alles zu bieten hat.