Da gibt es so ein paar Szenarien, die Menschen, welche von der Gesellschaft vermeintlich als potentiell fickbare Frauen* wahrgenommen werden, nur allzu gut kennen. Ungeachtet sonstiger Identitätskomponenten (Ethnie, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Bevölkerungsschicht, etc.). Situationen, die jeden Tag zeigen, dass wir uns in einer weiß-, männlich-, hetero- und cis-dominierten Welt bewegen.

Nicht immer ein schöner Ort für emanzipierte, (gender-) queere Menschen und sonstige Freaks. Die Anzahl derer, die noch nicht verstanden haben, dass ihr Smartphone ihnen rund um die Uhr Zugang zu Bildung verschafft, ist immer noch erschreckend hoch. So kommt es doch recht häufig zu den gleichen Diskussionen, die immer wieder um dieselben Themen kreisen: Ist Sexismus in der Popmusik okay? Können Frauen* wirklich genauso gut Fußball spielen wie Männer? Gibt es geschlechtertypische Unterschiede im Denken?

Verstaubte Klischees werden doch noch ganz heftig poliert. Neuerdings auch wieder häufiger in Bezug auf alle Menschen, die nicht seit mindestens zehntausend Jahren in Deutschland verwurzelt sind. (Auf die Frage „Woher kommst du?“ muss ich kotzen). Nun ist es ja so, dass wir nicht alle von allem betroffen sind, und manche Sachen dann einfach nicht weit genug ins Bewusstsein gerückt sind. Das folgende soll deshalb eine freundliche Zusammenstellung von Situationen sein, an denen wir in Zukunft alle ein bisschen arbeiten könnten:

It’s a candy wonderland, baby!

Viele Mitglieder dieser Gesellschaft gehen davon aus, dass Frauen* 24/7, egal, wo sie gehen und stehen, bewertet werden dürfen, nein, sollten. Dass Frauen* eigentlich nur existieren, um dir, ja dir alleine, zu gefallen. Ob auf dem Sprung zum Bankautomaten, beim Rückweg von einem Termin oder vor/ nach/ während einer Darmspiegelung. „Ihr seid zwar ganz süß, aber ich hab schon süßere gesehen!“ – Why the fuck should I care?

Frauen* werden häufig behandelt als seien sie Dekoration des Alltags, kleine Akzente, die den Weg zur Arbeit oder in das Seminar versüßen sollen. Eye candy, arm candy, Supermarkt candy, Fußgängerzonen candy. Schwer zu glauben, aber kaum etwas scheint aus der Mode gekommen zu sein: Pfeifen, Zuzwinkern, unterschiedlichste Kommentare (“Catcalling“) – je nach Personenkonstellation gerne auch homophob, rassistisch oder transphob angehaucht.

Wenn daraufhin ein erhobener Mittelfinger folgt, ist die Stimmung schnell gekippt und es wird entrüstet verlangt, dass eine Entschuldigung für die Undankbarkeit folgt. Diese Gesten sind aber keine Komplimente, es ist kein Flirten, es handelt sich um “Street Harassment“, also sexuelle Belästigung, um Machtausübung im öffentlichen Raum. Hast du dich vielleicht schon einmal so verhalten, dass sich eine Mensch (sexuell) belästigt gefühlt hat?

Ein weiterer Klassiker in diesem Kontext ist das ständige angestarrt und mit den Augen ausgezogen werden.  Nicht heimlich, nicht versteckt – Nein! – penetrant. In Städten können Frauen* sich teilweise fühlen, als gingen sie einen Laufsteg entlang. Rechts und links säumen sich in Cafés breitbeinige Heidi Klums, um zu prüfen, ob dein Hüftschwung für das Modelbusiness ausreicht. Hey, ernsthaft? Sorry, dear, so läuft das nicht. Warsan Shire bringt es auf den Punkt: „It’s not my responsibility to be beautiful. I’m not alive for that purpose. My existence is not about how desirable you  find me.”

Dauerflirt

Die Standard-Etappe eines ganz ordinären Tages führt in den Lebensmittelladen. Ungeachtet der konkreten Lokalität, kann die Interaktion mit Angestellten hin und wieder häufig eher an ein ungewolltes Intermezzo an einem Bartresen erinnern. Wenn du richtig Glück hast, sogar mit lässigem Auf-den-Tresen-lehnen. Wenn ich mir manchmal nicht sicher bin, ob ich das Verhalten des Gegenüber als freundlich oder plump flirtend einzustufen habe, stelle ich mir kurz vor, wie die Interaktion von ihm einem Mann gegenüber aussehe. – Und oh mein Gott, nein, niemals, würde er auf diese Art einem Mann gegenüber treten, außer er hat auch hier bestimmte Absichten! Eindeutig flirten. 

Gender swap, d.h. das Austauschen einer Person durch eine Person anderen Geschlechts, ist eine großartige Sache, um zu verdeutlichen, dass etwas falsch läuft – nicht nur in der Werbung, in Filmen oder Cartoons, sondern im alltäglichsten Alltag. Majorité opprimée (Unterdrückte Mehrheit) der Regisseurin Eléonore Pourriat veranschaulicht gender swap ganz wunderbar in ihrem Video. Allerdings und leider sollte das Video aufgrund seiner rassistischen Züge auch sehr kritisch gesehen werden. So haben die Mitglieder der Mädchen-/ Frauen*-Gang alle schwarze Haare, sprechen Französisch mit arabischem Akzent und tragen arabische Namen. Zwischen den Zeilen: Araber sind Sexisten und im schlimmsten Fall sogar Vergewaltiger. An einer weiteren Stelle wird vermittelt, dass  kopftuchtragende Frauen* naiv, unselbstständig und unterdrückt seien.


Die Reden des Buddah

Eine weitere Baustelle dieser Gesellschaft ist, dass Frauen* leider gerne als komplett inkompetent und unwissend dargestellt und bei sämtlichem banalen bullshit belehrt werden. “Mansplaining“ ist der passende Begriff dafür, der seine Popularität Rebecca Solnit verdankt. Für die Aktivistin und Autorin gipfelte die Dreistigkeit, als sie über den Inhalt ihres eigenen Buches „aufgeklärt“ wurde. In einem Satz bedeutet “Mansplaining“: Ein Mann erklärt einer Frau* etwas – ungeachtet der Tatsache, dass sie sich bestens/ besser auskennt. Frauen* als eindimensionale Zuhörerinnen, Männer als die allwissenden Erzähler. Jede*r von euch kennt diese Exemplare aus Vorlesungen oder Gesprächsrunden.

In das Wespennest des „Mansplaining“ sticht mensch beim Besuch eines stereotypisch „männlich“ besetzten Raumes, etwa einem Elektrogeschäft oder auch einem Baumarkt. Letztere gehören wohl zur Königsdisziplin. Nicht weil all das Werkzeug  so schrecklich überfordernd ist – nun sieh sich einer mal die Maschinen an! – nein, es ist eine Königsdisziplin, weil dabei viel zu oft hardcore „Männerterritorium“ betreten wird. In meinem Kopf spielt sich beim Durchschreiten der Baumarkttüre regelmäßig Little Drop of Poison von Tom Waits ab. Legendärer Rhythmus. Manchmal trage ich in Gedanken auch ein Cowboy-Outfit, bereit den Saloon zu betreten und mich auf eine Prügelei einzulassen. Nach vielen Interaktionen an solchen Orten habe ich die Angestellten schon für geistig sehr beschränkt gehalten. Und sie mich schon davor.

Lach doch mal!

„Lach doch mal!“ – Habt ihr diese Aufforderung selbst schon einmal gehört oder gesagt? Oder werdet ihr des öfteren gefragt, ob denn mit euch alles in Ordnung sei? Menschen ohne Dauerlächeln sind irgendwie unheimlich, mit Sicherheit böse, arrogant, gelangweilt oder traurig. Muss einfach so sein. Im Netzt kursiert der Begriff „Resting Bitch Face“ (RBF)/ „Bitchy Resting Face“ (BRF), der selbstbewusst auch von einigen selbst beansprucht wird: „Keep calm and wear your bitch face“„Nein, ich bin nicht verärgert, das ist nur mein RBF!“.

Frauen* sind keine dauergrinsenden Püppchen! Und vielleicht liegt es ja auch an dir? Vielleicht bist du einfach nicht witzig genug, oder du verstehst den trockenen Humor ohne breite Achtung-das-war-grad-lustig-Signal-Lache nicht? Das sollte dein Problem sein, nicht meines. Satirisch aufgegriffen ist das Thema in einem Video der Komödiantin Taylor Orci:

 

Yes, I’m a bitch!

Und was wäre ein bitch face, ohne die passende bitch dahinter? Wenn Frauen* direkt ihre Meinung äußern, nicht als Aschenputtel auf Zehenspitzen herumtänzeln oder „Mansplaining“-Reden wie ein Wackeldackel hinnehmen, werden sie schnell als „bitch“ bezeichnet. Nicht als selbstbewusster Mensch mit Dursetzungskraft, sondern als zickig und emotional. Wehe, eine Frau* wird zu laut oder zu fordernd! Aber gibt es tatsächlich ein schöneres Kompliment als „bitch“?

Whenever anyone has called me a bitch, I have taken it as a compliment. To me, a bitch is assertive, unapologetic, demanding, intimidating, intelligent, fiercely protective, in control — all very positive attributes. […] These days, I strive to be a bitch, because not being one sucks. Not being a bitch means not having your voice heard. Not being a bitch means you agree with all the bullshit. Not being a bitch means you don’t appreciate all the other bitches who have come before you. Not being a bitch means since Eve ate that apple, we will forever have to pay for her bitchiness with complacence, obedience, acceptance, closed eyes, and open legs.” ― Margaret Cho.

Der Schimmer am Horizont ist wohl, dass langsam umgedacht wird: Bei der Recherche von Begriffen wie „Street Harassment“, „Catcalling“ oder „Mansplaining“ stößt mensch auf zahlreiche bereichernde Beiträge und Videos, die teilweise mehrere (Zehn-) Millionen Mal aufgerufen wurden. Außerdem sind Geschlechterverhältnisse und Genderforschung mittlerweile anerkannter Gegenstand der Sozialwissenschaften geworden.

Aber es bleibt noch viel zu tun. Ein Problem besteht wohl auch darin, dass Sexismus, Rassismus und andere Diskriminierungsformen nicht mehr immer in your face auftreten. Heutzutage ist vieles versteckter, unterschwelliger, augenscheinlich positiv formuliert (Neosexismus; „positiver“ Rassismus/ Sexismus; Microaggression), Vieles ist komplexer und beschreibende Worte fehlen häufig, v.a. in den konkreten Situationen (z.B. Flirten vs. Belästigung; Diskussion vs. „Mansplaining“; Komplimente vs. Beschränkung auf Geschlechterstereotype). Royally fucked up!

Ein respektvoller Umgang miteinander, ungeachtet irgendwelcher Körpermerkmale, sollte keine Sache von Feminismus. sein. Wir sind nicht als „Frauen“ oder „Männer“ auf diese Welt gekommen, sondern als nicht-binäre Menschen, als amorphe Wesen. „Frau“ spiegelt nicht einen Unterschied in Biologie, Psychologie oder gar Intellekt wider. „Frau“ ist ein gesellschaftliches Produkt. Das „Frau-sein“ ist nichts Fertiges, es wird jeden Tag auf’s Neue geformt von unserer sozialen Umgebung und deren Regeln und Normen. Normen sind also nicht nur performativ, sie begründen sich zudem durch kontinuierliche Reproduktion. Diese (sexistischen) gesellschaftlichen Praxen werden dann irrsinnigerweise biologisiert.

Die Avatare „Mann“ und „Frau“ sind demnach die wirkmächtigen, herrschaftsdurchtränkten Materialisierungen dieser Vorgaben als Körper (Judith Butler). Geschlecht ist nicht Biologie, „Natur“ oder kosmische Bestimmung (Simone de Beauvoir). Identitätskategorien wie „Frau“  beschreiben, was sie zugleich hervorbringen (Judith Butler). Der Diskurs weist den Dingen einen Namen und damit eine Bedeutung zu, nicht umgekehrt. Was natürlich auch bedeutet, dass die allseits beliebte Binarität nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Realität widerspiegelt.

Als würde mensch versuchen alle Obst-, Müsli-, Süßigkeiten-, Wurst-, Stift-, Käse-, Saft-, Husten-, Käfer-,  und Sportarten in die Kategorien „Toastbrot“ und „Schreibmaschine“ zu zwängen. Das Ergebnis ist zwar sortiert, aber willkürlich, nichtssagend und falsch. Wenn dann noch behauptet wird, dass alles, was als „Toastbrot“ klassifiziert wurde, mehr kann und leistet, wird es tatsächlich konfus.

Gleichberechtigung bedeutet also lediglich, dass die Fassade „Geschlecht“ als solche anerkannt, dass die Performativität der Kategorie gesehen und der Mensch dahinter wieder in den Vordergrund gerückt wird.

 

Interessantes zum Weiterlesen

#Ausnahmslos

#Aufschrei

#WomenNotObjects

Judith Butler, 1995. Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin.
Judith Butler, 2006. Haß spricht. Zur Politik des Performativen.
Kerrin Christiansen, 1995. Biologische Grundlagen der Geschlechterdifferenz, in: Ursula Pasero/Frederike Braun (Hrsg.), Konstruktion von Geschlecht, Pfaffenweiler.
Bettina Dausien, 2006. Geschlechterverhältnisse und ihre Subjekte. Zum Diskurs um Sozialisation und Geschlecht, in: Helga Bilden/dies. (Hrsg.), Sozialisation und Geschlecht. Theoretische und methodologische Aspekte, Opladen-Farmington Hills.  S. 17-44.
Simone de Beauvoir, 1973.  The Second Sex. New York: Vintage Books.
Regine Gildemeister/Angelika Wetterer, 1992. Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Gudrun-Axeli Knapp/Angelika Wetterer (Hrsg.), Traditionen Brüche: Entwicklungen feministischer Theorie, Freiburg, S. 201-254.
Donna Haraway, 1995. Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/M.
Sigrid Schmitz, 2005. Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn? Über den Geschlechterdeterminismus in der Hirnforschung und Ansätze zu seiner Dekonstruktion, in: Forum Wissenschaft, online: www.linksnet.de/de/artikel/19193.
Paula-Irene Villa, Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper, Wiesbaden 2006.
  • Doktor Flimmer

    Großartig! Danke :)
    Würd ich am liebsten in mehrfacher Ausführung ausgedruckt in der Tasche haben, um es jedem, der sich so verhält in die Hand zu drücken.
    <3

    • Doktor Mihi

      Danke, das freut mich sehr!