„Wir bekommen die Welt, die wir verdienen“, will uns die neue Werbekampagne rund um die zweite Staffel True Detective weismachen. Ein Slogan den man drehen und wenden kann, je nach dem welchen Anklang die Staffel letzten Endes finden wird. Ganz schön smart, denn Staffel 1 ist im Serienhimmel weit oben angekommen – da hat es das nächste Kapitel natürlich schwer, dem Druck Stand zu halten.

Bekommen wir also nun die Staffel, die wir alle verdienen? Eventuell!

Mit True Detective erschuf Nic Pizzolatto eine Anthologie-Serie im Stil der alten Detektivnovellen, die im Kiosk unter der Theke neben den Cowboyheftchen lagen. Eine Staffel, ein Mord, ein ungleiches Ermittler-Duo und eine abgeschlossene Handlung. Klingt der Plot doch sehr überschaubar, birgt genau dieses Duo ungeahnte Tiefen. Gerade das Zusammenspiel (oder auch Gegenspiel) zwischen Marty Hart (Woody Harrelson) und Rust Cohle (Matthew McConaughey) macht den Großteil der Geschichte aus, die sich auf 17 Jahre erstreckt.

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Es war die Figur Rust Cohle, der nihilistische Detective, dessen Präsenz den Zuschauer komplett aufgesogen hat. Seine düsteren, philosophisch anmutenden Ergüsse – meist aus dem Off – verengten die Kluft zwischen Gut und Böse und vereinten das okkulte Voodoo-Thema mit dem ernsten Crime-Tenor. Der Antagonist ist wohl eine der bedrohlichsten Figuren der heutigen Serienlandschaft: Der Gelbe König! Die gesamte Staffel über ist dieser irgendwie anwesend, jedoch nie greifbar, geschweige denn sichtbar. Sein Name ist bloß der Schall aus etlichen Gerüchten und sein Gesicht ein Hirngespinst von dutzenden Zeugenaussagen, von denen ihn jedoch keiner je zu Gesicht bekam. Spricht man ihn aus, diesen Namen, wird es düster in der Erzählung von Pizzolatto. Und das ist die größte Stärke von True Detective: Die Angst vor der Fantasie. Das Unbekannte, Charaktere, die verborgen bleiben, Teile der Geschichte, die bloß aus Erzählungen entstehen und keine Bilder erfahren, all das ist so angsteinflößend wie suchterzeugend.

Hilflos sieht man dabei zu, wie Rust seinem Partner Marty das Video eines Ritualmordes einlegt, die Kamera fest fixiert auf Martys fassungslosen Ausdruck. In ihr die Gewissheit, dass hinter diesem okkulten Ring noch viele Männer stehen, die nicht enttarnt werden können und noch immer in gewissen Kreisen von Louisiana agieren. Welche Bilder malt sich der Zuschauer aus, wenn Marty allein mit den Jugendlichen, die mit seiner Tochter verkehrten, in der Zelle bleibt? Und welche Frage weitestgehend unbeantwortet bleibt: Was geschah damals mit Martys Tochter? Die Puppen im Kinderzimmer, aufgestellt wie ein Ritus; die mit Kreiseln übersäten Kinderzeichnungen verteilt an den Wänden des Hauses; die Krone aus Geäst und Schleifen, ähnlich wie jene Krone auf dem Kopf der Leiche, die damals die Geschichte erst ins Rollen brachte.

Meine Lobesrede könnte deutlich länger ausfallen, doch seit dem 21. Juni läuft bei Sky auf Abruf die 2. Staffel und dies ist Anlass für erste Prognosen.

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True Detective ist eine Anthologie-Serie (ähnlich wie Fargo oder American Horror Story), das heißt: Jede Staffel ist für sich abgeschlossen. Jede neue Staffel hat eine neue Geschichte. Dies schließt aber nicht aus, dass die Geschichten im gleichen Universum angesiedelt sein können. Mit The Western Book of the Dead, der ersten Folge, hat Pizzolatto nun das neue Kapitel eingeleitet und direkt abgesteckt, wofür die Marke True Detective steht. Aus der verkommenen Industrielandschaft Louisiana wurde nun das Verkehrsgeflecht Süd-Kaliforniens, in dem drei Ermittler und ein Gangsterboss durch einen mysteriösen Mord aufeinandertreffen. Mit einigen Protagonisten mehr in der Riege nimmt sich die erste Episode Zeit, den Status Quo eines jeden zu erzählen, bevor der eigentliche Fall Gestalt annimmt.

Zunächst sehen wir Ray Velcoro (Colin Farrell), einen Cop mit leichter Cowboy-Attitüde der bei weitem bessere Tage gesehen hat und nun versucht irgendwie seinem Sohn näher zu kommen – wären da nicht Alkohol- und Aggressionsprobleme, die er besser vorher in den Griff kriegen sollte. Neun Monate bevor sein heute leicht adipöser Sohn geboren ist, wurde seine Ex-Frau vergewaltigt. Die Polizei konnte keinen Täter ermitteln, doch Ray bekam von Gangsterboss Frank Semyon (Vince Vaughn) den Schuldigen ausgeliefert. Seitdem steht Ray in seiner Schuld.

Ani Bezzerides (Rachel McAdams) ist Sheriff, lässt sich mit männlichen Arbeitskollegen auf kleine Bettgeschichten ein, ist offensichtlich spielsüchtig, auch bei ihr kann man Probleme mit Alkohol beobachten. Dazu kommt ihre äußerst befremdliche Familienkonstellation: Der Vater ist eine Art Guru und ihre Schwester entblößt sich vor der Webcam für einen Internet-Porno-Ring.

Paul Woodrugh (Taylor Kitsch) ist Motorradpolizist und Ex-Söldner. Sein Problem ist nicht der Alkohol – er durchleidet offensichtlich ein Trauma aus einem vorangegangenen Einsatz, scheint in seiner Sexualität gebrochen zu sein und ist vorerst suspendiert. Der Highway scheint seine letzte Zuflucht zu sein, auf dem er sein Adrenalin sucht und stattdessen etwas ungeahntes findet: Eine Leiche.

Das Opfer ist Stadtplanungsleiter Ben Caspere, der für ein Vorhaben von Semyon unabdingbar ist. Semyon ruft Ray auf den Plan, Ani wird als Sheriff hinzugezogen und Paul, als erster Polizist am Tatort, bleibt nun auch am Ball. Die wahren Detektive stehen nun beisammen während die Kamera mit den Klängen von Nick Cave davon schwebt.

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Haben wir nun bekommen was wir verdienen? Und was haben wir eigentlich verdient? Cary Joji Fukunaga war der perfekte Regisseur für die erste Staffel! Er entschied sich dafür, auf 35mm-Film zu drehen, zeigte innovative und auch klassische Einstellungen, bestand auf Kamerafahrten mit Kinofilmniveau, und zeigte sich verantwortlich für das phänomenale One-Take aus Folge 4. Fukunaga verabschiedete sich von der Serie, um an Stephen Kings ES zu arbeiten, aus dem er mittlerweile schon wieder ausgeschieden ist. Zumindest für die ersten beiden Folgen der aktuellen Staffel machte Fukunaga Platz für Justin Lin, Regisseur von Fast and Furious Teil 3-6. Dieser entfernt sich jedoch nicht allzu weit von der Richtung, die Fukunaga, und vor allem Drehbuchautor Nic Pizzolato, mit Staffel Eins eingeschlagen haben.

Pizzolatto hat das Setting geändert, jedoch bleibt Stimmung und Stil noch seine Handschrift. An dieser Stelle sei Nics Roman Galveston jedem Fan ans Herz gelegt, ebenfalls genretypisch und zufälligerweise auch ein Road-Trip von Louisiana nach Kalifornien – von Staffel 1 zu Staffel 2 also.

 

Wo Fukunaga noch subtil erzählt hat und stets darauf bedacht war, vieles ohne Bilder zu erzählen, zeigt Lin, was er in der Fast and Furious Reihe gelernt hat: Draufhalten! In einer bezeichnenden Szene, in der Velcoro (Farrell) dem Peiniger seines Sohnes eine Lehre erweisen will, hält die Kamera drastisch drauf. Ray wirkt fast zu übertrieben gezeichnet das ist zunächst nicht schlimm, aber kann uns dieser Charakter noch groß überraschen, wenn er wieder etwas tut, was gegen das Bild eines Beamten spricht? Oder wird er doch noch alle Sympathien gewinnen? Zumindest könnte sich Velcoro als der Part entpuppen, der Nägel mit Köpfen macht und das Gespann in unmoralische Abgründe schweifen lässt. Das wird man sehen wollen!

Als Marty (Harrelson) in Season 1 die Zelle betritt mit den drei Jugendlichen, die seine Tochter berührt haben, bricht die Kamera ab und der Zuschauer malte sich Schlimmstes aus! Die Motivation blieb begründet, sein Charakter wurde bewahrt. Ob das genau so intensiv gewesen wäre, wenn man alles gesehen hätte? Stärker ist oft die Subtilität.

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Doch der Auftakt ist gemacht. Lin und Pizzolatto werden genau wissen, wohin sich ihre Charaktere bewegen, in diesem Netz aus Straßen, Kreuzungen, Highways und Abbiegungen. Staffel Zwei macht vieles richtig, versucht sich bewusst nicht an einer 1:1-Kopie der vergangenen Geschichte. Kalifornen ist der richtige Spielraum für diesen Fall, der mit deutlich mehr Film-Noir Noten aufwertet als der Fall Louisiana. Auch der Mordfund geht in Richtung David Lynch  nicht nur durch die Unterlegung mit Saxophonklängen, sondern durch seine Skurrilität. Wenn die Darsteller ihrer Rolle treu bleiben, wird es interessante Verbindungen und Verstrickungen innerhalb des Ermittlerteams geben. Mein Geheimtipp nach Folge eins: Frank Semyons Ehefrau Jordan (Kelly Reilly aus Eden Lake und Flight), die in ihrer Funktion viele Strippen in der Hinterhand hält und, ähnlich wie Skyler White in Breaking Bad, die kriminellen Machenschaften ihres Mannes mit ihrem Gewissen vereinbaren muss.

Was noch fehlt, ist ein gemeinsames Feindbild, der Gelbe König von Kalifornien, ein Monster ähnlich geheimnisvoll und beängstigend! Oder sind diesmal die True Detectives die eigentlichen Bösewichte?

Welche Abgründe, Alkohol-Exzesse, Drogentrips und Gewalttaten unsere vier Protagonisten auch durchleiden – die Welt, die wir verdienen, bekommen wir erst am Ende.