Mit euch zusammen möchte ich einige der Filme des Kinojahres 2013 nachholen, die mir und vielleicht auch euch durch die Lappen gegangen sind. Den Anfang macht Upstream Color von Shane Carruth.

Ein totes Schwein sinkt auf den Grund des Flusses. Eine blaue Flüssigkeit entweicht seinem Kadaver. Sie tränkt die Wurzeln der Orchideen. Kris spürt das. „Did you hear that? There is a sound coming from below the house.“ “No I didn’t. You’re scaring me a little bit.” Im Hintergrund läuft “Their Roots reaching quite under the house.”

Upstream Color lässt den Zuschauer geschunden und fragend zurück. In anderthalben Stunden folgen wir Kris durch eine Phase ihres Lebens, die schrecklich, berührend und gleichzeitig sehr dumpf und taub inszeniert ist. Manche sagen, die Handlung des Films ließe sich überhaupt nicht zusammenfassen. Sie sprechen von einer Bilderflut, von Metaphorik, Zeitreisen, Science Fiction, ewigen Kreisläufen, gar von der Auflösung der Identität. Sie meinen, man muss diesem Film ohne Vorwissen begegnen, ihn als Kunstwerk sehen und keine Botschaft verlangen.

Sie haben Unrecht.

Denn auch wenn ich selbst erst nachdem der Abspann schon lange abgeblendet worden war, verstanden hatte, worum es in Upstream Color ging, so hat der Film tatsächlich eine Handlung. Und diese ist nicht einmal besonders komplex. Einzig aufmerksames Zusehen ist von Nöten um den Film zu durchdringen.

Ein Mann züchtet bewusstseinserweiternde Maden. Während eines Clubbesuchs bekommt Kris (gespielt von der wunderschönen Amy Seimetz) eine dieser Maden verabreicht und wird dem Fremden gefügig. Dieses Ereignis ist furchtbar, obwohl Kris nicht – wie man erwarten könnte – vom diesem verletzt oder gar vergewaltigt wird.

upstreamcolor_kristrain2_3000x1277

Die schließliche Zurückerlangung ihres Bewusstseins markiert den Anfang der eigentlichen Geschichte.  Sie dreht sich um Kris und Jeff, die sich zufällig in der Bahn kennen lernen und sich langsam immer näher kommen. Im Gegensatz zum normalen Liebesfilm, zeichnet Upstream Color diese Vereinigung nicht rosarot, sondern blassbraun und weiß. Alles läuft in Zeitlupe ab. Ein geloopter Geräuschteppich unterlegt Stirngerunzel, Vor-sich-hin-gestarre, zitternde Glieder und suchende Augen.

Man kann sich als Zuschauer nie sicher sein, ob dieses Zusammentreffen ein gutes oder böses Omen ist. Ständig haben wir das Gefühl als stimmte etwas nicht, als würde etwas fehlen. Ein Gefühl, welches wir auch Kris und Jeff von den müden Gesichtern ablesen können. Jeder glückliche Moment, jegliches Lachen wirkt gespielt und aufgesetzt. Es fehlt etwas.

Was da fehlt, erfahren wir am Ende des Films und sobald einem dies klar wird, entfaltet der Film eine Schönheit, die ergreift. Trotzdem muss man auf dem Weg zu dieser Eingebung einiges ertragen. Shane Carruth, der nicht nur Regie geführt, sondern auch den Soundtrack komponiert hat und Jeff spielt, scheint nämlich Zeit seines Lebens zu viele traurige Musikvideos und Ikea-Werbespots gesehen zu haben.

upstream-color05

Die Cinematographie des Films ist nicht originell. Wie ein Abziehbild dessen, was heutzutage im Mainstream als gute Bildkomposition angesehen wird, plänkelt sie vor sich hin und wird in einigen Jahren hemmungslos veraltet wirken. Das wird noch vom eigens für den Film entworfenen Upstream-Color-Logo auf die Spitze getrieben. Mit dem Soundtrack – den man sich sehr gut an Novembertagen unterwegs anhören kann – verhält es sich ähnlich. Das ewige Geplänkel, Geklacker und Rückgespuhle ist schön aber nicht neu. Das haben wir eben auch schon in der Werbung und bei Explosions in the Sky gehört. Hier verkommt wahre Emotion zu einem getriggerten Bedürfnis aus der Marktforschung.

Manche Rezensentinnen sprechen von transzendenten Erlebnissen und einer tiefgehenden Ergriffenheit, die der Film in ihnen ausgelöst hätte. Ich kann das verstehen. In mir hat der Film auch einiges bewegt. Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Ich will mich von diesen Klängen und Bildern eben nicht zu hundert Prozent ergreifen lassen. Sie sind zu klinisch, zu en vogue, zu Instagram.

Es mag sein, dass Carruth dies bewusst ist und ich nur nicht verstanden habe, was er mir dadurch vermitteln will. Dann lasse ich mich gerne eines Besseren belehren. Bis dahin bleibe ich Zweifler.

Trotzdem möchte ich Upstream Color empfehlen. Denn auch wenn seine stylistischen Mittel abgegriffen sind, so habe ich noch nie eine solche Geschichte erzählt bekommen, die einen trotz ihrer Logiklöcher letztlich sehr begeistern kann.

Wenn man sich auf sie einlässt.

UPSTREAM COLOR: VON MADEN UND ORCHIDEEN
Upstream Color erzählt uns eine außergewöhnliche Geschichte, vom Verlieren und Finden eines wichtigen Teils von uns. Leider benutzt er dafür abgewetzte Werkzeuge.
KRITIK
  • Einige Logiklöcher
  • Ausgelutschte Technik
  • Langatmiger Mittelteil
VERSÖHNUNG
  • Mutige Handlung
  • Stimmiger Soundtrack
  • Tolle Hauptdarstellerin
3.5Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)