Es gibt eine neue Doku-Reihe im televisuellen Potpourri: Durch „Auf der Flucht – das Experiment“ will das ZDF einen Einblick ins Leben der Flüchtlinge ermöglichen und eine Diskussion anstoßen. Zumindest letzteres ist den Sendungsmacher_innen auch vortrefflich gelungen – inzwischen hat sich ein regelrechter Shitstorm gebildet. Denn wer glaubt, dass eine nicht-fremdenfeindliche, nicht-stereotype Auseinandersetzung mit Flüchtlingen endlich ihren Eingang in den Mainstream-Diskurs geschafft hat – der hat sich in diesem Sendungsformat gewaltig getäuscht.

Sechs Deutsche sollen in zwei Gruppen den Fluchtweg von Asylbewerber_innen nachspielen – nur in umgekehrter Richtung, ausgehend von Deutschland. Das Ziel von „Team Irak“ ist nicht schwer zu erraten, „Team Afrika“ macht sich auf nach Eritrea. Es wird schnell klar, dass bei dieser Sendung weniger der Informationsgehalt, sondern vielmehr der Eventcharakter im Vordergrund steht. Und nicht nur die Idee einer spielerisch in Szene gesetzten Flucht erscheint wahnwitzig; auch bei der Auswahl der Teilnehmer_innen wurde ganz tief in die Trickkiste gegriffen. Da gibt es unter anderem den Ex-Nazi, der „Schwarze“ automatisch mit AIDS verbindet; das Model, das die EU-Drittstaatenregelung befürwortet, weil das Boot voll sei; und die Bloggerin, nach deren Meinung an den Sarrazin-Thesen schon was dran sei, weil Deutschland ja wie eine große Sahnetorte wäre, wo alle mal mitnaschen wollen würden. Die Videos, die schon vor der Erstausstrahlung der Sendung im Internet zugänglich waren, überbieten sich an fremdenfeindlichen und rassistischen Aussagen.

Inzwischen habe ich mir den ersten Teil des Flucht-Hokuspokus angesehen. Und viele der Befürchtungen, die mir nach dem Beschauen des Trailers und anderer Versatzstücke in der Mediathek kamen, haben sich bestätigt. Nicht nur wird durch Bezeichnungen wie „Team Afrika“ der gesamte Kontinent – wie so oft – zu einem Land zusammengeschmolzen, das so schrecklich sei, dass man daraus fliehen müsse. Darüber hinaus bekommt der Ex-Nazi extrem viel Sendezeit, um seine Opferrolle darzustellen. Und als Zuschauerin muss ich es ertragen, dass eine Protagonistin unglaublich unempathisch und mal eben ganz locker-flockig einen Flüchtling aus Eritrea fragt: „Du hast bestimmt Krieg miterlebt. Wie war das so für dich?“ Darüber hinaus werden an mehreren Stellen falsche Informationen zur Lage von Asylsuchenden in Deutschland verbreitet. Nein, Asylbewerber_innen wohnen nicht nur drei Monate in den Heimen. Das wird zwar theoretisch angestrebt, aber in der Praxis müssen die meisten Flüchtlinge dort viel länger leben. Und hanebüchen ist auch die Aussage, dass Asylbewerber_innen eine Wohnung zugeteilt wird, wenn ihr Asylantrag aussichtsreich erscheint – davon habe ich noch nie gehört.

Paradoxerweise will der Grundtenor der Sendung eher sympathisierend mit der Lage der Asylbewerber_innen sein – ein krasser Gegensatz zu den daneben stehenden offen rassistischen Aussagen der Protagonist_innen. Das ist aber auch schon das einzig Positive, was ich dieser Sendung abgewinnen kann. Das kann jetzt vielleicht falsch verstanden werden: Prinzipiell befürworte ich es, wenn die Asylpolitik der BRD und der EU kritisch thematisiert wird und dabei auch Flüchtlinge zu Wort kommen können (denn das kommen sie in der Doku tatsächlich – wenn auch nur sehr kurz). Aber der Zweck heiligt eben nicht alle Mittel.

Ich frage mich beispielsweise, warum die Flucht als ein derart singuläres Ereignis, als Ausdruck historisch gewachsener und gegenwärtig wirksamer Machtbeziehungen, in ein unterhaltsames Abenteuerspiel verwandelt werden muss. Kann den Fernsehzuschauer_innen denn nicht mehr zugetraut werden? Sind sie wirklich so abgestumpft – wie diese Sendung glauben machen will – , dass sie komplexere Zusammenhänge des menschlichen Daseins nur noch verarbeiten können, wenn sie leicht bekömmlich à la „das Dschungelcamp“ daherkommen?

Ich frage mich, warum eine Thematisierung von Flucht daran gekoppelt wird, dass deutsche Menschen sie nachempfinden oder besser: nachspielen sollen. Das reproduziert nämlich nur asymmetrische Repräsentationsmechanismen. Soll heißen: Die Erzählungen von Flüchtlingen und Asylbewerber_innen über ihre Flucht werden im medialen Diskurs fast immer angezweifelt. Ihnen wird damit der Status als integeres, aussagefähiges Subjekt entzogen. Aber wenn Deutsche stellvertretend eine Flucht nacherleben, dann werden all die Dinge, die vorher ungläubig beiseite geschoben wurden, auf einmal gültig und wahr. Die Fluchtgeschichten müssen quasi erst durch die Tränen der Sarrazin-Anhängerin reingewaschen werden – das erinnert nahezu schauerlich an Blut-und-Boden-Romantik.

Und ich frage mich, wozu diese „Doku-Reihe“ motivieren soll. Dazu, wie die Protagonist_innen, neben den Flüchtlingen zu sitzen, wie sie ihre Hand zu halten, traurig zu gucken und das alles „ganz, ganz schrecklich“ zu finden? Dazu, dank der vielen hineingeschnittenen Bilder von hilfsbedürftig blickenden, afrikanischen Kindern, den gesamten Kontinent zu einem Ort werden zu lassen, der nur Mitleid verdient?

Vielleicht bin ich ja zu idealistisch – aber ich meine, dass den Zuschauer_innen mehr zugemutet werden kann als Halligalli im Asylbewerber_innenheim und die Tränendrüse für die armen Kinder.