Die Auseinandersetzung mit psychischen Abweichungen von der Norm ist in der Literatur so vielgestaltig wie ihre Erscheinungsformen im Leben. Unzählige Heldinnen und Helden leiden darunter, anders zu empfinden, als ihre Zeitgenossen. Sind nicht Hamlet und Emma Bovary depressiv? Und Werther? Candide lebt in seiner ganz eigenen Welt und Michael Kohlhaas ist jedenfalls Choleriker. Bei Woyzeck schließlich wird „der Wahnsinn“ mit Händen greifbar. Die literarischen Ausgangspunkte sind dabei höchst verschieden. Mal setzt das Werk, wie bei Werther, beim Einzelnen an, dessen feineres Empfinden vorausgesetzt wird. Dann wieder liegt der Fokus auf gesellschaftlichen Mechanismen der Ausgrenzung und Unterdrückung. Besonders deutlich ist das bei Woyzeck, der sich unter dem Spott des Hauptmanns und dem Hohn des Arztes immer tiefer verstrickt. Aber auch Emma Bovary und Anna Karenina verraten uns mindestens so viel über die Gesellschaften ihrer Zeit wie über die Protagonistinnen, die an ihnen krank wurden.

Für die nachfolgende Zusammenstellung haben wir unsere Bücherregale nach jüngeren, weniger kanonischen Werken durchforstet, die psychische Anomalien in den Mittelpunkt der Erzählung rücken. Sie versetzen sich in die Binnenperspektive Betroffener, schildern teils autobiographisch, teils fiktiv die Erlebniswelt ihrer (Ich-)Erzähler. Wer sich daneben für die Frage interessiert, welche Berechtigung die Grenzziehung zwischen Sinn und Wahnsinn überhaupt hat, wer befürchtet, die Gesellschaft bediene sich der Ausgrenzung feinerer Stimmen systematisch zur Selbstvergewisserung und Stabilisierung, dem sei als Parallellektüre das großartige psychiatriegeschichtliche Standardwerk „Bürger und Irre“ von Klaus Dörner empfohlen.

Elfriede Jelinek: Moosbruggers Monolog (2006)

Jelineks „Moosbrugger will nichts von sich wissen“ ist ein übler Text. Entstanden ist er vor etwa zehn Jahren als Beitrag zu „Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften. Remix“, einer Hörspielproduktion des Bayrischen Rundfunks, die wohl immer noch den besten Zugang zu Musils zweibändigem Meisterwerk eröffnet. Eine Nebenfigur in Musils Roman ist Moosbrugger, der der Vergewaltigung und des Mordes beschuldigt wird. Er befindet sich zu Beginn des Romans bereits in der geschlossenen Psychiatrie. Sein Fall erregt ganz Wien. Wer immer sich zur haute volée zählt, kommentiert den Fall mit originellen Einlassungen zu Normalität und Wahnsinn. Dazwischen sitzt Moosbrugger als „die wilde eingesperrte Möglichkeit einer gefürchteten Handlung wie eine unbewohnte Koralleninsel inmitten eines unendlichen Meeres von Abhandlungen“. Wo er selbst zu seiner Lage Stellung nimmt, gegen das Urteil der Gelehrten, ist er bei Musil ungehalten und eitel. Monologe, in denen er sein Schicksal prüfend wiegt, zeugen von Neid und Selbstgerechtigkeit.

Elfriede Jelinek zeigt uns einen anderen Moosbrugger. Einen „Lustmörder“, dessen Lustrausch noch nicht abgeklungen ist oder eher: der beim Erzählen sich wieder an sich berauscht. Der seine Tat auf eine Weise schildert, dass einem beim Lesen übel wird. Ein übler Text von der Sorte, die die Sinnhaftigkeit von Triggerwarnungen offenkundig machen. Es gibt Filme, Bilder und eben auch Texte, die sich nicht jeder zumuten muss.

Für die Hörspielproduktion des Bayrischen Rundfunks hat Jelinek ihren Text selbst eingesprochen. Erst im mündlichen Vortrag offenbart sich seine ganze Gewalt. Mit schwerem Zungenschlag mäandert Jelineks Moosbrugger von einem Gräuel zum nächsten. Was sich da heraushören lässt, ist aber weniger das Psychogramm eines psychisch Erkrankten. Eher ist es Jelineks Gespür für Abgründe einer Alltagssprache, die sie gleich von mehreren Seiten in die Zange nimmt. Phonetische Ähnlichkeiten, historisch belastete Begriffsebenen, schlichte Bedeutungsmehrheit sind die Stoffe, aus dem sie ein Band sprachlicher Perversion knüpft. Gelegentlich greift sie zu Taschenspielertricks, ähnlich den stumpfen Wendesätzen aus der aktuellen Plakatkampagne von Swiss Life („Ich nehme die Pille habe ich an jenem Tag vergessen“) Aber Jelineks „obwohl das Individuum wenig zählt, nicht einmal bis drei“ greift den Leser anders an. Wer sich den Text zumuten will, sollte ihn hören, nicht lesen. // Doktor Twer

Sylvia Plath: The Bell Jar (deutsch: Die Glasglocke) (1963)

Plaths autobiografischer Roman “The Bell Jar“ ist eine schonungslose Version des “Catcher in the Rye“, erzählt von einer getriebenen jungen Frau. Auch bei diesem Buch sei gesagt: Die Abwärtsspirale der Depression mit mehreren Selbsttötungsversuchen und traumatisierender psychiatrischer Behandlung ist eine bedrückende Lektüre, die man sich nicht antun muss.

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“The Bell Jar“ ist die Geschichte der 19-jährigen Esther Greenwood, Ich-Erzählerin des Romans, einer klugen, erfolgsverwöhnten und lebenshungrigen Collegestudentin aus einem Vorort Bostons. Esther will Journalistin werden. Bei einem Schreibwettbewerb gewinnt sie ein Praktikum bei einem großen Frauenmagazin in New York. Mit zwölf (!) anderen glücklichen Gewinnerinnen wird sie dort mit Empfängen, Kleidern, Make-up-Kits und Dates überschüttet. Doch Begeisterung will sich nicht einstellen. „I was supposed to be having the time of my life“ sagt Esther, “[but] something was wrong with me that summer“. Esther weiß, dass sie den Halt verliert – und kann diese Entwicklung dennoch nicht aufhalten. Von ihren entlarvenden Beobachtungen einer Gesellschaft der großen und kleinen Lebenslügen, stets erzählt mit funkelnder Selbstironie und beißendem Spott will auf Büfetts und Bällen niemand etwas wissen. Unter Frauen findet sie keine Verbündete, unter Männern keinen, dem ihre sprühende Kreativität nicht unheimlich wäre.

Auf der Suche nach Identität und Angenommensein, mit dem Hoffnung und dem Anspruch, sich selbst treu zu bleiben, zerbricht Ester an Amerikas Mad-Men-Welt. Hochsensibel und hinterfragend, reibt Esther sich an dieser Welt und wird von ihr zerrieben. // Doktor Vstus

Tom McCarthy: 8 ½ Millionen (2012)

Wenn man sich einmal vergegenwärtigt was man eigentlich tut, wenn man atmet, schluckt oder läuft, dann kann es passieren, dass diese unbewusst ablaufenden Handlungen plötzlich nicht mehr wie von selbst geschehen, sondern der aktiven Kontrolle durch das eigene Denken zu bedürfen scheinen. „Ein- und Ausatmen“, „“linken Fuß nach vorne setzen, rechten Fuß nach vorne setzen“, so schallt es durch den Kopf. Ein durchaus bedrohliches Gefühl, das für den Protagonist von Tom McCarthys „8 ½  Millionen“ zum Normalzustand geworden ist, nachdem er einen (nicht näher erläuterten) Unfall erlitten hat.

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Die verlorene Unmittelbarkeit zum eigenen Handeln ist aber nicht dessen direktes Ergebnis, sondern eine Folge der anschließenden Therapie, in der der namenlose Ich-Erzähler sämtliche verlorenen motorischen Fähigkeiten zunächst auf theoretischem Wege begreifen muss, um sie anschließend praktisch ausführen zu können. Von nun an fühlt sich seine gesamte physische Präsenz in der Welt als erlernt und unecht an. Eine ausweglos scheinende Situation, über die auch die 8 1/2 Millionen Pfund, die als Abfindung für den Unfall gezahlt werden, zunächst nicht hinweghelfen. Doch schon bald keimt Hoffnung auf. Ein unscheinbarer Riss an einer Wand löst beim Erzähler eine immer plastischer werdende Erinnerung aus, eine unscheinbare Alltagsszene, die aber das Gefühl des Einsseins mit dem eigenen Körper wieder spürbar macht. Die Verheißung auf Genesung ist so groß, das er alles daran setzt, das Erinnerte erneut zu erleben, koste es was wolle.

Er unternimmt den größenwahnsinnigen Versuch, die erinnerte Situation en détail nachzustellen. Ein Haus wird umgebaut bis es den Anforderungen entspricht. Angeheuerte Schauspieler proben die notwendigen Abläufe dutzende Male. Dank der zu Verfügung stehenden monetären Mittel nimmt das Projekt größenwahnsinnige Dimensionen an, denn nie ist das Ergebnis gut genug. In seinem manischen Bestreben die abhanden gekommene Authentizität durch ein groteskes Bühnenstück wieder aufleben zu lassen, schlittert der Protagonist von einer psychischen Krise in die nächste.

„8 ½  Millionen“ schildert in einfacher, präziser Sprache und auf fesselnde, komische Weise die Sehnsucht und die Suche des Menschen nach der glücklichen Selbstvergessenheit und die Tragik, die dem notwendigen Scheitern eines solchen Projekts innewohnt. // Doktor Irrgang

 

Wolfgang Herrndorf: Sand (2011)

Der großartige Wolfgang Herrndorf veröffentlichte nach dem Erfolg von Tschick einen äußerst irritierenden Roman, der uns Lesende in eine Wüste führt und dort stehen lässt.

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Ort des Geschehens ist Nordafrika, 1962. Geheime Informationen, die mit Nuklearwaffen zu tun haben, sind dorthin gelangt. Wir begegnen allerhand seltsamen Gestalten: einem Atomspion, einer amerikanischen Geheimagentin, einem unterbelichteten Ermittler und den BewohnerInnen einer Hippie-Kommune, in der sich ein Mord ereignete.
Die verschiedenen Absichten der einzelnen Personen sind auf seltsame Art und Weise miteinander verknüpft oder sind sie es doch nicht? Ein Geldkoffer verschwindet, ein Mann ohne Gedächtnis taucht auf, wird Protagonist der Erzählung. Wer ist hier eigentlich wer? Wie bewegt man sich ohne Erinnerung, wie orientiert man sich, wie behält man den Rest seines Verstandes?

Als er mit vollem Einkaufsbeutel schon fast wieder am Bungalow angekommen war, rannte er von plötzlicher Unruhe getrieben zum Hotel zurück und fragte den Portier, ob er ihn schon einmal gesehen habe.
“Gestern”, bestätigte der Portier.
“Und früher nicht? Sie kennen mich also nicht?”
“Bungalow 581 d. Mit der Dame. Die Sie aufgelesen hat.”
Mit hängendem Kopf lief er durch die Gassen. Die Verzweiflung wurde übermächtig.

Irgendwo zwischen Agententhriller, Schelmenroman und Gesellschaftskritik ist Herrndorf kompliziertestes Werk anzusiedeln. Beachtlich erscheint vor allem das Spiel mit dem Medium Buch und dem Akt des Lesens selbst: Wer liest, muss dem Erzählten glauben, kann nur wissen, was bisher geschah oder dem von den Protagonisten Berichteten. Sofern diese sich erinnern können.
Wer sich vor Wüsten, Nihilismus, Dummheiten und Verworrenheit nicht scheut, lese Sand. // Doktor Innen

 

Christine Lavant: Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus (1946/2001)

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Wie „The Bell Jar“ sind auch die „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ ein autobiographischer Text. Christine Lavant (1915-1973) schrieb ihn 1946. Sie verarbeitet darin einen längeren Aufenthalt in einer österreichischen Heilanstalt, in die sie sich aufgrund anhaltender, schwerer Depressionen selbst hatte einweisen lassen. Die Editionsgeschichte zeugt von einem langen Hadern mit dem daraus hervorgegangenen Text. Gelegentlich versuchte Lavant, ihn bei Verlagen unterzubringen. Einmal schickte sie ihn sogar nach England, wo die BBC eine englische Übersetzung als Radioerzählung ausstrahlte.

Gegen eine Veröffentlichung auf Deutsch wandte sie sich kurz darauf vehement, aus Furcht vor beruflicher Stigmatisierung. Schließlich vernichtete sie den Text. Erst in den 1990er Jahren tauchte er im Nachlass der Übersetzerin Nora Wydenbruck, die ihn der BBC zugespielt hatte, in London wieder auf. 2001 erschien der Text dann endlich im Salzburger Otto Müller Verlag.

Sechs Wochen dauert Lavants Aufenthalt in der Psychiatrie. Zu Beginn verachten die tonangebenden Patientinnen die Ich-Erzählerin, weil sie sich freiwillig hat einweisen lassen. Und die Erzählerin selbst hält sich an bürgerliche Normen:

„Ich weiß, ich könnte das mit einem Schlag ändern, ich bräuchte zum Beispiel nur einmal bei der Essensverteilung meinem Ekel nachgeben und die Blechschale an die Mauer werfen, aber mir liegt noch zu viel daran, dass die Schwestern „Sie“ und „Fräulein“ zu mir sagen und dass die Ärze ihr Visitlächeln ein wenig ins Menschliche abbiegen, wenn sie zu mir kommen.“

Bald findet sie ihren Platz in der internen Hierarchie, fühlt sich als eine unter vielen und sorgt sich kaum noch um den Eindruck, den sie auf das Pflegepersonal macht. Die Erzählerin verwebt Beobachtungen des institutionellen Alltags, Charakterstudien und inneres Erleben zu einem dichten Geflecht. Dabei entsteht ein feines Bild des Psychiatriealltags und der psychischen Verfassung der Ich-Erzählerin. Es ist kein Antipsychiatriebuch. Man kann sich kaum vorstellen, Lavant übertreibe künstlich, erdichte hinzu und schmücke aus, um eine Botschaft zu vermitteln. Ihr Text scheint ohne Botschaft – und so tritt das Schauerliche umso eindrücklicher hervor. // Doktor Twer

  • Bronco Bullfrog

    Bei wahnsinn in der literatur faellt mir sofort Jack Londons „Die Zwangsjacke“ ein, in dem sich ein Straefling waehrend des tragens der zwangsjacke mystischen kopfreisen hingibt, ein leider wenig bekanntes aber ungemein faszinierendes buch.

    • Doktor Innen

      Oh das klingt spannend, war mir tatsächlich noch nicht bekannt!

  • Sandro Abbate

    Superspannendes Thema! Besonders, wenn man sich anschaut, wie sich das Bild von Wahnsinn bzw. psych. Krankheiten im Laufe der Jahre gewandelt hat. Ich habe mich dazu einmal anhand des „Werthers“ beschäftigt: http://novelero.de/krankheit-zum-tode-depression-im-werther/