Warcraft, oder: Wie der Ork seine Farbe bekam, kann sich zwei Trophäen auf den Kaminsims stellen. Zum einen ist es die mit Abstand beste Videospielverfilmung, die es jemals gab und zum anderen ist es neben der Herr der Ringe Trilogie einer der besten Fantasyfilme unserer Zeit. Da beide Messlatten allerdings erstaunlich tief liegen und die Konkurrenz Filme wie Mortal Kombat und Eragon sind, hat das nicht viel zu bedeuten.

Würde man heutzutage Goldlöckchen und die 3 Bären verfilmen, wäre es eine Trilogie, die auch die tragische Originstory jedes Bären erzählt und genug Nebenhandlungen aufmacht um ein Sequel zu garantieren oder zumindest ein Crossover mit Schneeweißchen und Rosenrot zu ermöglichen.

Sicherlich ist Warcraft: The Beginning ein reicheres Universum als das von Goldlöckchen, aber das Problem ist ein ähnliches: anstatt eine gute Geschichte zu erzählen, muss es eine große sein. Und dort beginnt der Untergang der Orkenlandes.

Als Neuling in der Welt von Warcraft verbringe ich das erste Viertel des Films damit, nicht ganz hinterher zu kommen. Ich muss erst verstehen, wie Magie funktioniert, was ein Wächter so macht und wie die Zwerge zu den Menschen stehen.

Der Film setzt Vorwissen voraus, denn schließlich ist die erfolgreiche Warcraft-Videospielserie, die als Echtzeitstrategie anfing und mittlerweile zum Behemoth im MMORPG-Bereich geworden ist, ein fester Bestandteil der westlichen Gamer-Kultur. Die Ereignisse im Film lehnen sich an den ersten Teil der Serie an: In der magischen Welt von Azeroth beginnt der Haussegen schief zu hängen, als die Menschen das erste Mal auf Orcs treffen. Diese verlassen ihre sterbende Heimatwelt und beginnen die fremden Reiche zu verwüsten.

Die Welt ist dicht, was ihren Mythos angeht; es gibt die Schmieden der Zwerge, die hohen Türme der Magier, mystische Zirkel und die dunkle Magie der Orks. All das ist unglaublich detailverliebt in Szene gesetzt und die vielen Artworks des Videospielentwicklers Blizzard wurden pixelgenau auf die Leinwand gebracht.

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Ganz persönlich habe ich ein Problem mit dem Look des Filmes, denn es sieht mir zu sehr nach einer langen Schnittsequenz des zugrundeliegenden Videospiels aus. Während bei Herr der Ringe noch Masken und Modelle im Mix waren, ist Warcraft nämlich modernes Effektkino, und das entsteht komplett am Computer. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der Darsteller eher wie Hipster auf einer Cosplay-Convention aussehen. Zu jung, zu glatt, zu hübsch, ein Haufen bärtiger, fescher Männer, deren Gesichter keine Zeichnung haben und somit perfekt in die CGI-Umgebung passen. Erst hier merkt man, was man an Ian McKellen und Christopher Lee in Herr der Ringe wirklich hatte.

Doch kaum dass es gelingt ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Warcraft Welt aufgebaut ist, wie sie atmet, wird man mit so vielen Figuren bombardiert, dass man zu keiner eine echte Verbindung aufbauen kann. Und hier beginnt wahrlich das verschenkte Potential des Filmes.

Denn auf dem Papier passiert vieles was dramatisch und tragisch ist. Aber das was Game of Thrones in zwei bis drei Staffeln inszeniert, soll hier in knapp hundertzwanzig Minuten passieren, und verkommt dadurch zum Lippenbekenntnis. Ein alter Verbündeter wird zum Verräter und mich kratzt es kaum. Liebende werden auseinander gerissen und es ist mir egal. Ein junger Mann erkennt seine wahren Fähigkeiten und rettet den Tag und ich kann mich kaum an seinen Namen erinnern. Dass der Held Lothar heißt, weiß ich noch, aber auch über den könnte ich keine zwei Sätze sagen. Damit die Figuren dann doch noch etwas Profil bekommen, kriegt jeder hier und dort einen bedeutungsschwangeren Monolog über seine eigene, von Leiden durchzogene Backstory, bei dem die Musik ins unerträgliche anschwillt um die Schwere des Augenblicks zu unterstreichen.

Es könnte alles so einfach sein, denn ein unheimlich solider Ansatz ist vorhanden: die Orks werden vermenschlicht. Sie treten sogar als Protagonisten auf. Die ersten Szenen zeigen die liebevolle Beziehung eines orkischen Clanführeres zu seiner schwangeren Frau, seine Sorgen um ihre Zukunft in dieser sterbenden Welt. Die einzige Hoffnung ist ein Magier, dessen Magie allerdings vom Leben anderer gespeist wird. Mit anderen Worten: man muss ein Volk töten um das eigene zu erhalten. Dazu kommt noch ein Ehrenkodex und die Weltansicht, dass das Leben ein ständiger Krieg ist und die einzige Lösung für alle Probleme dieser Welt ein Kampf ist. Das sind spannende und facettenreiche Figuren mit unglaublichem Potential für moralische Konflikte und Dilemmata. Hätte man sich darauf konzentriert, wäre es vielleicht ein glorreicher Film geworden, aber man begräbt sie unter hundert anderen Storybögen.

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Das Schöne an der Fülle von Warcrafts Wurzeln sollte doch sein, dass es Potential zum Epos als auch zum Figurendrama hat. Die Version auf der Leinwand scheint aber in beiden Betten schlafen zu wollen: es fühlt sich an, als liefe der Film im Fast-Forward Modus und müsste eigentlich doppelt so lang oder vielleicht sogar seine eigene Trilogie sein um sein Gewicht zu tragen. Andererseits will er aber in seiner Kürze eine abgeschlossene Geschichte erzählen und drückt einem Wendepunkte und Hintergrundgeschichte unbeholfen in den Kopf, ohne dass ein emotionaler Impact spürbar ist.

Es gibt nichts gegen epische Geschichten einzuwenden, aber manchmal muss man in seine eigene Größe erst reinwachsen. Warum nicht einfach mal die mutige Entscheidung treffen, mit einer kleinen Flamme zu beginnen? Die schönsten fantastischen Geschichten sind simple Abenteuer, die aber dennoch voller Tragik und Spannung stecken können. Gerade das müsste doch die Tugend des Regisseurs Duncan Jones sein, der mit seinem Regiedebüt Moon ein fesselndes Ein-Mann-Kammerspiel abgeliefert hat. Mit Epik, aber ohne Bombast.

In den ersten zehn Minuten wird mir genau ein solcher Film versprochen; eine Geschichte über einen Orkhäuptling und dessen Bestreben seinen Clan zu schützen. Doch der Grund, warum diese Story bis ins unkenntliche verdickt wird, der Grund warum all die neuen Handlungen ins Spiel kommen und der Grund warum Warcraft kein Moon ist, liegt mehr als deutlich auf der Hand. Die Community möchte ihre Lieblingsorte und Figuren sehen. Wie Fototouristen auf einer billigen Europareise klappern wir mit dem Schnellbus alle Sehenswürdigkeiten und Promis ab, um kurz einen Blick zu erhaschen und dann weiterzurasen und oft „WOW!“ zu schreien.

Duncan Jones ist Regisseur und Warcraft-Fan, und hat letzterem die Überhand gewinnen lassen. Wenn man den Film also nicht für sich, sondern als Fan-Produkt sieht, ist er durchaus gelungen. Denn er ist nicht für mich gemacht, sondern für eine Community, die ihn zweifelsohne feiern wird. Ein solides Fantasyspektakel ist es, eine Videospieladaption, wie es sie noch nicht gab, zwei Stunden Fanservice für alle Gamer und sogar ein Kinobesuch, der mir etwas Spaß machte. Nur ein richtig guter Film, das ist es eben nicht. Dafür ist er zu groß und doch fehlt ihm die Größe.

  • http://herrherrmann.net/ Sebastian Herrmann

    Finde es sehr merkwürdig, dass Videospieladaptionen bisher nicht so wirklich gefruchtet haben (nicht, dass das bei Comicadaptionen besser wäre, aber da gibt’s immerhin ein paar Perlen). Am meisten überzeugt hat mich da bisher noch Silent Hill, welchen ich fast ohne Spielvorkenntnisse sah und für mich eine super Atmosphäre aufgebaut hat und welcher durchaus für sich selbst stehen kann. Das unnötige Sequel dazu reißt den Eindruck dann aber auch gleich wieder runter…

    • http://www.doktorpeng.de/author/doktor-brightside/ Doktor Brightside

      Ja, mit „Silent Hill“ Stimme ich absolut zu. Ist eine Adaption, die sich nicht zu schämen braucht. Aber andererseits ist der Film, wenn man ihn für sich sieht, eben auch kein Meilenstein des Horror-Genres und ohne die Videospielvorlage wäre er glaube ich in der B-Movie-Grabbelkiste gelandet und keiner würde sich drum kümmern.
      Wenn „Warcraft“ eins zeigt, dann das wir seit „Super Mario Bros.“ einen langen Weg gekommen sind und auch andere Adaptionen (allen voran Comics) mussten ja oft erst lange laufen lernen. Das komplizierte ist eben, dass der integrale Bestandteil eines Videospiels (anders als bei Buch-, Theater- oder Comicadaption) die Interaktivität ist. Und wenn das entzogen wird, bleibt oft nur etwas sehr durchwachsenes Skelett übrig.
      Man darf sehr gespannt sein was demnächst „Assassin’s Creed“ bringt. Wenn der und „Warcraft“ kommerziell einschlagen und von der Fanbase angenommen werden, könnte das Genre vielleicht langsam salonfähig werden.

      • http://herrherrmann.net/ Sebastian Herrmann

        … andererseits können wir uns dann vielleicht irgend wann als Kinogänger nur noch mit Sequels, Prequels, Remakes und Adaptionen (von Büchern, Comics, Videospielen und Brettspielen [denn wir möchten ja das herausragende Battleship nicht vergessen]) begnügen.

        • http://www.doktorpeng.de/author/doktor-brightside/ Doktor Brightside

          Ja, da machste ein ganze neues Fass auf, bei dem ich sehr hin und hergerissen bin. Mein Bauchgefühl reagiert auf all diese Schlagwörter genauso allergisch wie deins. Aber wenn ich mal einen Schritt zurück geh, muss ich eben auch eingestehen, dass fast alle Filme von Hitchcock und Kubrick Romanadaptionen sind. Und denen wird niemand einen kreativen Bankrott vorwerfen können.
          Im Endeffekt ist mir eine gut umgesetzte Apadtion genauso lieb wie eine gut umgesetzte original Idee.
          Großes Beispiel sind für mich da Nolans „Inception“ und „The Prestige“. Das eine ein eigenes Drehbuch, das andere eine Adaption, beides großartige Filme und beide tragen die Handschrift ihres Regisseurs. Und das ist dann glaube ich das wichtige bei den Adaptionen, dass sie einen Stil und eine Persönlichkeit jenseits des Quellmaterials haben.