Früher gab es eine Zeit im Kino, in der man von Western oder Piratenfilmen geplagt wurde. Jetzt sind es Superheldenfilme, die durch die Kinosäle flimmern. Und der Pengcast hat recht. In zehn Jahren wird man zurückschauen und sich denken: “Was haben die nur so viele Superheldenfilme gemacht? Waren die dumm?” Und der Pengcast hat auch recht, wenn er sagt: “Wenn ich mir noch einen Superheldenfilm ansehen muss, dann raste ich aus.” Denn Superhelden sind idiotisches Popkornkino, ohne großen intellektuellen Gehalt…oder?

Mir ist da etwas aufgefallen. Eine Verbindung, die auf den ersten Blick verblödet, auf den zweiten Blick aber sehr berechtigt wirkt. Und auf den dritten Blick – naja. Hier die These: Superheldenfilme gleichen in Form und Philosophie den Texten Samuel Becketts. Beckett, der lange dürre Ire, mit “Warten auf Godot” und “Endspiel”. Einige werden da vielleicht rufen: “Verleumdung! Wo sind die Beweise?!” Dann schauen wir doch mal.

Beginnen wir mit der Form. Typisch für Becketts Texte sind Wiederholungen. Einzelne Worte, sogar ganze Sätze und Handlungsabläufe treten innerhalb eines Textes immer wieder auf und wandern durch die verschiedenen Figuren. Im Superheldenkino sehen wir das auf gleich zwei Ebenen:

Erstens auf der Handlungsebene: Eine Person beschließt Gutes zu tun, macht sich dadurch Feinde und bekämpfte diese. Mit dabei immer das Ende Welt, die große Katastrophe und die knappe Rettung. Diesen Plot sehen wir in den Nolan-Batman-Filmen, Iron Man, Thor und vielen anderen.

Zweitens finden wir die Redundanz auf der Metaebene: Superhelden werden wieder und wieder recycelt. Wie oft haben wir schon Batmans Origin-Story gesehen (Burton, Schuhmacher, Nolen, Snyder), ohne, dass sich etwas wirklich verändert hätte? Wieviele Versuche gab es, einen “guten” Superman-Film zu produzieren? Immer und immer wieder werden die Geschichten der Superhelden erzählt.

Eng mit den Wiederholungen verknüpft ist das, was bei Beckett als “Musikalität der Texte” bezeichnet wird. Durch die häufigen Wiederholungen und Wortspiele gibt es bestimmte Themen, die wie musikalische Motive wiederkehren. Eine Betonung der Musikalität finden wir auch im Superheldenkino. Dort gibt es keine Sekunde im Film, die nicht mit schmachtender oder pompöser Musik unterfüttert wird. Der Zuschauer soll ja auch merken, dass der Tod des kleinen Hundes von Gegenüber traurig ist.

Durch die Wortwiederholungen und einen bewusst eingeschränkten Wortschatz impliziert Beckett eine Sprachkritik und -verweigerung. So reden Figuren aneinander vorbei, haben sich nichts zu sagen und wenn sie etwas sagen, handelt es sich um eine Wiederholung oder ist belanglos. Die Sprache wird als Mittel zur Beschreibung der Realität angezweifelt. In einer primitiven Form existiert Sprachkritik auch bei den Superhelden: Jedes Problem wird mit Gewalt gelöst. Sprache ist kein Mittel den Problemen der Welt beizukommen. Kommunikation wird als Machtwerkzeug verworfen. Es hilft nur Pumpen, Muskeln, Prügeln.

Ein weiteres Merkmal für Becketts Texte ist, dass sie existenzielle Fragen aufwerfen, diese aber ignorieren, ironisieren oder abwerten. Die Fragen werden bloß in den leeren Raum geworfen. Fragen wie “Was kommt nach dem Tod?” werden letztendlich als unbeantwortbar gekennzeichnet. Einen sehr ähnlichen Umgang mit existenziellen Fragen sehen wir bei Superman und Captain America. Superman ist ein Außerirdischer, was aber keinen ernsthaft zu interessieren scheint. Der Mensch, der sich als einzigartiges Wesen im Universum versteht, ignoriert die Bedrohung seiner Sonderstellung. Captain America, der als guter amerikanischer blonder Soldat natürlich auch Christ ist, sieht seinen Glauben durch Thor, ein Alien und nordischen Gott, keinesfalls in Frage gestellt. Probleme der Metaphysik werden gekonnt ignoriert. Außerdem wirkt die ständig drohende Zerstörung der Welt auf Dauer doch ziemlich lächerlich.

Auch in der Figurenkonzeption sind sich Beckett und Superheldenfilme ähnlich. In Becketts Dramen treten keine Individuen, sondern Typen auf. Dass das bei Superheldenkino der Fall ist, ist keine Überraschung. Man betrachte als Beispiel The Avengers. Es gibt den Schlauen (Bruce Banner), den Anführer (Captain America), den Charmanten (Iron Man), die sexy Amazone (Black Widow), den socially awkward guy (Thor) und den Außenseiter (Hawkeye). Am Ende geht es bei diesen Typen nicht um Entwicklung. Es geht darum, dass am Ende alle gleich gut prügeln.

Kommen wir nun zur Handlung bei Beckett. Diese gibt es in einem klassischen Sinn nicht. Figuren warten, reden, spielen Spiele und warten erneut. Das existiert zugegeben bei Thor und Co. nicht. Dafür haben wir es hier mit Filmen zu tun, deren Handlungsstränge so durchlöchert sind (Avengers II, Batman v Superman, Suicide Squad), dass man sich fragen muss, ob das überhaupt noch eine Handlung ist. Es findet sich also doch eine Gemeinsamkeit: Beides verweigert sich einer klassischen Konzeption von Handlung.

Nun zu einem, wenn nicht dem entscheidenden Punkt bei Beckett. Seine Texte zeichnen sich durch eine extreme Deutungsoffenheit aus. Alles kann alles oder auch nichts bedeuten. Oft ist nicht klar, ob seine Texte als Metaphern zu verstehen sind, ob sie innere Prozesse oder konkrete historische Begebenheiten darstellen sollen. Durch diese Deutungsoffenheit kommt es aber zu Folgendem: Der Text bietet so viele Bedeutungsebenen an, dass er sich einer einzelnen entzieht und gerade dadurch sinnlos wird.

Gut, eine Deutungsoffenheit gibt es bei Superheldenfilmen nicht, aber es dafür einen Überfluss von Handlungselementen, Plottwist, Betrügen, Verweisen auf andere Superhelden und Paralleluniversen; so viele Elemente, dass der Film unter der Last all dieser zusammenbricht. Durch seinen krampfhaften Versuch alles zu sein, verliert er an Bedeutung. Somit zeigt sich der Superheldenfilm mit seinem zwanghaften Universebuilding als sinnentleert.

Gut und schön, Superheldenfilme stimmen formal und inhaltlich mit Beckett überein, aber was heißt das? Becketts Philosophie, die sich in in Form und Inhalt seiner Texte wiederfindet (Warten, Stillstand, Sinnlosigkeit) ist pessimistisch und zynisch. Superheldenfilme sind also gar nicht so optimistisch und oberflächlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Vielmehr setzen sie sich zu einem Dichter in Beziehung, der philosophisch hoch aktuell und mehr als düster ist.

Mit diesen Gedanken zu Batman, Superman und Co. wird es wieder erträglich solche Filme zu sehen. Hoffentlich wird es Hollywood irgendwann leid, Superheldenfilme zu produzieren. Denn seien wir ehrlich. All das, was ich hier geschrieben habe, ist wahrscheinlich nur ein Superheldenfilm. Zerlöchert, oberflächlich und sinnlos.