Warum der Playboy keine Nacktbilder mehr zeigt

Sichert die Grenzen, hebt die Gräben wieder aus! Ja, es ist wahr: der Playboy zeigt ab nächstem Jahr keine Nacktbilder mehr. Eine Meldung, die so abstrus scheint, dass ich selbst zuerst reichlich recherchieren musste um sicherzugehen, dass es kein fehlgeleiteter Postillon Artikel oder ein vorgezogener Aprilscherz ist. Es scheint eine Menge interessanter Gründe für dieses Manöver zu geben, aber neben all den kulturellen Implikationen, die es mit sich bringt ist eine Frage brennender für mich als alle anderen: warum zum Teufel interessiert mich das so sehr?!

Meine Beziehung zum Playboy Magazin ist recht schnell aufgedröselt: ich habe mir in meinen Teenagerjahren eine Ausgabe gekauft, weil man das als Teenager so macht, und Jahre später bei der Kinopremiere von Watchmen eine weitere geschenkt bekommen, weil „Männerabend“ war… verstehe einer diese Logik. Keins der beiden Exemplare hat für mich besonderen nostalgischen Wert und dennoch traf mich die Ansage, dass Playboy sein Geschäftsmodell umstellt und demnächst nur noch bekleidete Frauen zeigt so überraschend, dass ich fast imaginären Kaffee ausgespuckt hätte.

Der aktuelle Chef des Playboys hat die Entscheidung in Absprache mit Hugh Hefner getroffen und begründete diesen Umschwung in der Agenda unter anderem mit der Aussage: „You’re now one click away from every sex act imaginable for free. And so it’s just passé at this juncture.“ Mit anderen Worten: das Internet hat den Playboy in seiner jetzigen Form obsolet gemacht.

Lassen wir mal die Möglichkeit außen vor, dass es sich um einen genialen Marketingtrick handelt und das Ganze darin enden soll, dass ein Aufschrei durch die Bevölkerung geht, bis der Verlagschef sagt: „Na gut, wir machen wieder nackte Frauen. Doppelter Preis. Wir nennen es: Playboy Classic.“ und damit die Kassen zum Klingeln bringt. Nein, wir gehen davon aus, dass es (neben der offensichtlichen PR) ein genuiner Ansatz ist, der den Kurs des Magazins aus guten Gründen ändern soll.

Bevor es aber darum geht, was dieser Schritt, gekoppelt mit dieser Ansicht über den momentanen Stand unserer Kultur und Gesellschaft aussagt, muss ich zu Protokoll geben: ich bewundere dieses Magazin auf eine gewisse Art und Weise.

Wie bei jeder anderen Form von Pornographie ist es natürlich fragwürdig und bedenklich,  dass der Playboy die Frauen dieser Welt zu (Lust-)Objekten macht. Aber die Art und Weise wie das geschieht ist beeindruckend. Im Laufe der Jahre arbeiteten unglaublich talentierte Fotografen für das Magazin und hatten genug finanzielle Mittel zur Verfügung, um ihre Visionen kompromisslos umzusetzen. Die Aktfotographie ist eine der schwersten Disziplinen in der Branche und das Können, das Playboy oft an den Tag legte, ist beeindruckend ästhetisch. Natürlich sind wir weit entfernt von Kunstdrucken oder Ausstellungen, aber man vergleiche nur mal einen Playboy mit dem handelsüblichen Schmuddelmagazin und man versteht schnell, warum der Preis knapp zehn Mal so hoch ist.

Sich vor der Kamera auszuziehen ist immer auch ein Vertrauensbeweis und wenn man sieht, wer sich schon alles für Hefner und seine Mannen entblättert hat, von Marilyn Monroe bis Madonna, dann merkt man wieviel Vertrauen im Spiel gewesen sein muss, dass selbst die größten Prominenten ihrer Zeit bereit waren alle Hüllen fallen zu lassen.

Dazu kommt, dass der Playboy allen Unkenrufen zum Trotz ein paar hervorragende Journalisten beschäftigt hat und häufig wirklich gute Artikel zustande bringt, selbst wenn sie keiner liest. Um den literarischen Stellenwert des Playboys zu verstehen, muss man sich nur in Erinnerung rufen, dass Leslie Fiedlers wegweisendes Essay Cross the Border – Close the Gap (dt. Überquert die Grenzen – Schließt die Gräben) 1968 erstmals im Playboy veröffentlicht wurde. Diesem Text wird bis heute zugeschrieben die Postmoderne maßgeblich miteingeläutet zu haben, und die Entscheidung, ihn ausgerechnet in einem Heft wie diesem zu veröffentlichen, hatte genau die Aussagekraft, die es dazu braucht. Man ließ Worte zu Taten werden.

Bewunderung hin, Vertrauen her: der Playboy ist mehr als nur ein immenses Stück Popkultur, das schwer aus der Welt wegzudenken ist. Es ist ein Synonym für Erotikmagazine geworden, wurde besungen, hat seinen Platz als Requisite in Klassikern der Filmgeschichte gefunden und Hugh Hefner zur Kultfigur erhoben. Aus dem Magazin ist über die Jahre eine Ikone geworden. Und nun streckt es scheinbar die Waffen, weil das reißende Meer des available Porn die winzige Nymphengrotte überschwemmt. Schaut man sich die Verkaufszahlen der letzten Jahre an, kann man diesem Argument wenig entgegensetzen. Und als ich mir dessen bewusst wurde, kam ich mir vor wie der Typ, der es zutiefst bedauert, dass Onkel Alfreds netter, kleiner Handwerkerladen an der Ecke zumacht und dann nach Hause geht und mit seinem Amazon-Akkuschrauber ein Ikearegal zusammenbaut. Nur dass Onkel Alfred in diesen Fall Hugh Hefner ist, der Handwerkerladen ein Multimillardendollarunternehmen und das Ikearegal ein US-Topmodel (den Akkuschrauber lass’ ich aus der Gleichung lieber raus).

Das Kuriose ist: ich werde die jetzige Form des Playboy Magazins nicht vermissen. Warum auch? Sie hatte keinen Einfluss auf mein Leben. Ich werde nicht mal das vermissen, wofür es stand, denn das waren hauptsächlich nackte Brüste und Männerfantasien. Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass hier ein klein wenig die letzte Bastion von Stil untergeht, die im Missklang der Pornoindustrie den Takt angab. Die Tatsache, dass man als Teenie plötzlich nicht mehr seine Stimme tiefer stellen muss um am Kiosk für knapp 10 Euro ein Hochglanzmagazin mit professionellen Nacktbildern zu bekommen, sondern einfach zwei Klicks entfernt ist von niedrig auflösenden Bukkake Orgien, die jemand mit einem Smartphone gefilmt hat, ist vielleicht nicht der Untergang des Abendlandes, aber dennoch ein winziges Stück kultureller Verdruss.

In der Playboy-Redaktion hingehen werden gerade die Köpfe rauchen, weil sie vor der Mammutaufgabe steht, seine Leser für Zukunft zu binden und gleichzeitig eine komplett neue Leserschaft erschließen muss. Am besten ohne Imageverlust, sonst wird aus dem Playboy 2.0 plötzlich eine Art FHM 1.5. und schießt sich damit selbst ins Aus.

Man muss neidlos eingestehen: Die hier getroffene Entscheidung, nämlich das prägnanteste, fast schon definierende Merkmal einer jahrzentealten Marke zu entfernen, ist einer der mutigsten Schritte, die es im Verlagswesen seit Langem gab. Ist es ein Wagnis, das sich lohnt? Gibt es tatsächlich den goldenen Weg vom alten zum neuen Kultstatus, den wir alle noch nicht erahnen können? Wenn das gelänge, wäre es etwas bisher nie Dagewesenes und würde das Universum der Printmedien nachhaltig erschüttern. Vielleicht überrascht der Playboy mit einem neuen Konzept, vielleicht kann er nach der Postmoderne wieder eine neue Ära einleiten, in der Print trotz Internet eine Zukunft hat, vielleicht ist es ein großes Beispiel für andere Magazine, sich selbst zu überdenken, neu zu erfinden und sogar zu verbessern. Könnte da nicht vielleicht jemand eine Memo an die BILD-Zeitung schicken?